Lesen Sie hier den Original-Text des Briefes des Abg. des Griechischen Parlaments Panagiotis Kouroumplis an die Abgeordenten des Deutschen Bundestages wie an die deutschen Abgeordneten des Europa-Parlaments. Hier können wir tief eintauchen in unsere jüngere Vergangenheit, als die Wehrmacht Griechenland überfallen, zerstört und ausgeraubt hat. Bis auf den heutigen Tag hat auch das freie Deutschland keinen Pfennig und keinen Cent und keine Drachme an Wiedergutmachung geleistet - der griechische Staatsschatz seiner damaligen Notenbank bleibt geraubt, ebenso viele Kunstwerke.

Großzügige Wiedergutmachung stünde uns, dem heutigen Deutschland, gut zu Gesicht. Es ist hoch an der Zeit, dieses beschämende Unrecht - versuchsweise - wieder gutzumachen. Aber nicht erst dann, wenn keiner mehr weiß, wo dieses Griechenland einst gelegen hat....
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Panagiotis Kouroumplis
Abgeordneter des Wahlkreises Athen B' - SYRIZA
Rechtsanwalt - Doktor der Sozialwissenschaften

An die Abgeordneten des Deutschen Bundestages

sowie

An die

Deutschen Europa-Abgeordneten

Athen, 29. Mai 2012

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!

Ich wende mich an jeden einzelnen von Ihnen persönlich als Grieche und als europäischer Bürger, der an die Vision eines Europa der Völker und der sozialen Gerechtigkeit glaubt.


Am eigenen Leibe habe ich erfahren, wohin Mass und Krieg zwischen den Völkern Europas führt. Im Alter von zehn Jahren habe ich im Jahre 1961 mein Augenlicht verloren, als in der Nähe meines Elternhauses zurückgelassenes Kriegsmaterial (eine deutsche Handgranate) explodierte. Die Explosion hatte verheerende Folgen. Einer meiner Freunde verlor sein Leben, weitere fünf Kinder erlitten schwere Körperverletzungen und ich erblindete völlig.


Bei seinem Rückzug sprengte das Deutsche Militär die Brücke über dem Fluss Acheloos, ganz in der Nähe meines Heimatdorfes Matsouki, die für die Gegend ein wichtiger Verkehrsknoten war. Matsouki ist einer der unzähligen Orte, die das Deutsche Militär im Rahmen von Vergeltungsmaßnahmen niederbrannte und vollständig zerstörte.

Als ich mich im Alter von zwölf Jahren auf einer Blindenschule wiederfand, realisierte ich, dass 90% der Schüler durch ähnliche Explosionen zurückgelassenen Kriegsmaterials, ihr Augenlicht verloren hatten oder verstümmelt worden waren. Es handelte sich um "Geschenke", die uns die Besatzungsmächte bei ihrem Rückzug zurückließen, damit die Erinnerung an Sie nicht verloren geht. In ganz Griechenland kamen damals (50iger und 60iger Jahre) Explosionen von zurückgelassenem explosivem Kriegsmaterial leider sehr häufig vor.

Von deutscher Seite wurde niemals die Finanzierung einer Maßnahme zur Räumung und Entsorgung dieser in Griechenland verstreuten Kriegsmaterialien in Betracht gezogen, sodass über Jahrzehnte weiterhin der Tod gesät wurde. Mein Land war [für Abhilfe] nicht in der Lage.

Ich möchte klarstellen, dass. ich wegen, meines, persönlichen Leids keine negativen Gefühle gegenüber dem Deutschen Volk hege, dessen Beharrlichkeit mich berührt, da ich ähnliche Elemente und Merkmals auch in meinem eigenen Lebenswillen erkenne.

Liebe Freundinnen und Freunde, mein Land, obwohl durch das Leid der Besatzung zerstört, forderte 1953 nicht nur nicht die umgehende Entschädigung für menschliche Verluste, für die Wiederherstellung der zerstörten Infrastruktur, such nicht die sofortige Rückgabe der gestohlenen und immer noch nicht zurückgegebenen Schätze und die Rückzahlung des Besatzungskredits, den das Dritte Reich von Griechenland erzwang, um seine Besatzungstruppen in Griechenland zu unterhalten und seine Operationen in Afrika zu finanzieren.

Griechenland stimmte zusammen mit weiteren 23 Ländern der Aussetzung dieser Forderungen zu, um dem Deutsehen Volk die Möglichkeit zur Heilung seiner Wunden zu geben. Griechenland hat jedoch nie auf seine Rechte verzichtet. Folglich gibt es zwischen den beiden Ländern bis heute keinen Friedensvertrag, sondern lediglich einen Nicht-Kriegs-Zustand.

Mit jenem Vertrag von 1953 erfolgte die größte Entschuldung in der jüngsten Geschichte Ihres Landes, während der Zahlungsaufschub, den das Londoner Schuldenabkommen ihrem Land gewährte, entscheidend zur Konsolidierung von Gesellschaft und Wirtschaft des befreiten Deutschland beitrug.

Wenn Deutschland seine auf der Basis des internationalen Rechts bestehenden Verpflichtungen gegenüber Griechenland erfüllt hätte - und sei es nach der deutschen Wiedervereinigung, nachdem doch dem 4+2-Vertrag der Stellenwert eines Friedensvertrages zugemessen wird -, hätte dies dazu beigetragen, dass die wirtschaftliche Lage Griechenlands heute besser aussehen würde, mein Land würde sich heute nicht in dieser fürchterlichen Krise befinden, die die Menschen umbringt, die Träume der jungen Menschen zerstört, den Euro-Skeptizismus erstarken und nationalistische Gespenster Wiederaufleben lässt.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, der große Goethe hatte einst gesagt, dass Griechenland für die Menschheit das ist, was Herz und Verstand für den menschlichen Körper sind. Ich bin mir sicher, dass ihm -wenn er uns heute von oben beobachten könnte - die Worte und das Verhalten gewisser Repräsentanten des heutigen Deutschland sehr missfallen würden. Speziell dem Deutschen Volk ist der Fleiß der Griechen bekannt, da eine hohe Anzahl von Emigranten aus unserem Land in Deutschland seit Jahren hart arbeitet.

Es muss allgemein vergegenwärtigt werden, dass das Weitergeben von Krediten an die Länder Südeuropas zu einem Zinssatz von 5,5%, die deutsche Banken zuvor bei der Europäischen Zentralbank zu einem Zinssatz von 1% aufgenommenen haben, dazu geführt hat, dass die deutschen Banken sogar aus der derzeitigen Krise der südeuropäischen Länder bis heute einen (milliardenschweren) Nutzen ziehen.

Müssten unter Berücksichtigung dieser Tatsachen, aber auch um einer kohärenten Entwicklung in Europa willen nicht Deutschlands Überschüsse in den südlichen Ländern investiert werden? Könnten nicht Ausgleichsmaßnahmen zur Unterstützung des wirtschaftlichen Aufschwungs z.B. in Griechenland ergriffen werden?

Liebe Freundinnen und Freunden, die Europäische Vision baut auf ein partnerschaftliches Verhältnis unter den Mitgliedsstaaten, auf dem Respekt von Werten wie Solidarität und Menschenwürde. Glauben Sie, dass es heute möglich ist, dass ein Grieche oder ein Bürger der südeuropäischen Länder davon überzeugt ist, dass diese Prinzipien in Europa vorherrschen? Oder hätte ein Bürger der Weimarer Republik vom Vorherrschen solcher Prinzipien nach dem Vertrag von Versailles überzeugt sein können?

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, Sie müssen wissen, dass mein Land nicht zufällig in diese Krise geraten ist. Ich führe einige Faktoren auf, die beispielhaft zu dieser folgenreichen Entwicklung beigetragen haben. In meinem Haus wimmelt es - wie auch in Millionen anderer griechischer Haushalte - von deutschen Geräten. In den 80er Jahren gab es in Griechenland acht Industriebetriebe, die Elektroartikel exportierten. Heute existiert kein einziger mehr. Die griechische Pharma-Industrie deckte 80% des Griechischen Pharma-Bedarfs ab. Heute deckt sie gerade einmal 15% ab, bei entsprechendem Abbau von Arbeitsplätzen.

Im Rahmen der viel gepriesenen "Europäischen Solidarität" und der "kohärenten Entwicklung" in Europa aber auch als Folge des harten Euro wurde die griechische Industrieproduktion durch die Industrien der mächtigen Länder Europas nicht etwa gefördert, sondern zu deren Vorteil absorbiert und eliminiert.

Gleichzeitig sind in den letzten Jahrzehnten keine nennenswerten deutschen Investitionen in Griechenland getätigt worden. Wir stellen nicht in Frage, dass es einen großen Zufluss von Geldern in Form von Subventionen - speziell für den landwirtschaftlichen Sektor - gab. Das Modell der gemeinsamen Agrarpolitik führte jedoch schließlich die inländische Produktion in den Ruin. Als Beispiel führe ich den Fall der Tabakproduktion an, die -obwohl sie dieselben negativen Auswirkungen auf die Gesundheit hat - nicht dieselbe Behandlung erfuhr wie die Fette, die in Nordeuropa produziert und in Lebensmitteln verwendet werden.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wenn die Europäische Union unsere Landesgrenzen in der Praxis als ihre Außengrenzen anerkennen würde, wäre Griechenland nicht gezwungen, Rüstungsgüter mit einem Anteil von über 6% des BIP zu kaufen, mit der Folge, dass Griechenland auf diesem Sektor der zweitbeste Kunde Deutschlands ist. Zum Vergleich: In den Niederlanden beläuft sich der entsprechende Wert auf nur 1%.

Das Abkommen Dublin II hat unser Land in ein Lager verfolgter illegaler Immigranten verwandelt. Griechenland stemmt die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten für das vorgeblich humane Gesicht Europas, was den Aufenthalt von mehr als zwei Millionen verzweifelter Menschen in einem Land bedeutet, das inzwischen nicht mehr in der Lage ist. seine eigene Bevölkerung zu unterhalten. Wer von dieser Absurdität profitiert, ist Westeuropa, das Griechenland als Schutzwall missbraucht, um weiterhin von Asyl und humanen Sensibilitäten sprechen zu können.

Europa tut so als existiere das Problem nicht, und nimmt nicht einmal eine entschlossene Haltung gegenüber der Türkei ein, damit das Durchschleusen dieser Menschen unterbunden wird.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, die Krise kann sich als Gefahr oder als Chance erweisen. Als Gefahr, weil  sie totalitäre Reflexe provozieren und furchtbare nationalistische Egoismen hervorrufen kann. Als Chance, weil sie den Anlass geben kann, dass wir - wie Goethe argumentierte - unser gutes Ich wiederfinden und für ein Europa der Völker und der sozialen Gerechtigkeit arbeiten, für ein gemeinsames europäisches "Wir", das den Idealen von Gleichheit und Gerechtigkeit, der persönlichen und sozialen Rechte gerecht wird.

Der heutige Zorn des griechischen Volkes richtet sich nicht gegen das deutsche Volk und stellt auch kein speziell griechisches Problem dar. Es ist zu erwarten, dass ähnliche Umstände morgen ähnliche Resultate auch in anderen europäischen Ländern hervorrufen werden. Vielmehr richtet er sich gegen die Dampfwalze, die das internationale Finanzsystem mit dem Ziel in Gang gesetzt hat, seine Gewinne zu maximieren und jedes durch Kämpfe erreichte soziale Recht aufzuheben, das bis heute die soziale Kultur Europas, das soziale Gesicht Europas prägte.

Liebe Freundinnen und Freunde, die heutigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind eine tödliche Bedrohung für die Europäische Vision. Jeder von uns ist aufgerufen, sich auf seine eigene Verantwortung zu besinnen und nüchtern die nachstehenden Fragen zu beantworten, die in aller erster Linie Sie betreffen: Schreiten wir auf ein deutsches Europa mit allen einhergehenden Gefahren zu. oder wollen wir ein europäisches Deutschland, das eine in gleichberechtigter Zusammenarbeit unter seinen Partnern und eine kohärente Entwicklung der Europäischen Völker unterstützt? Wollen wir ein Europa, das einen starken Pol in der sich entwickelnden multipolaren Welt darstellt, oder wollen wir ein Europa, über dem der Alptraum von nationalistischen Gespenstern schwebt?

Die Verantwortung eines jeden von uns ist groß und historisch. Wir sind aufgerufen, für die materielle, psychische und moralische Wiederherstellung der Beziehungen unserer Völker unter einander zu arbeiten und endgültig die seit langen Jahren offen stehenden Fragen und unerledigten Aufgaben auf politischem und gesetzlichem Gebiet beizulegen und zu erledigen, wie den Besatzungskredit, die Reparationen, die Entschädigung von Massaker-Opfern und die Rückgabe der archäologischen Raubkunst.

Erinnern Sie sich an Ihren Protest an die Adresse Russlands nach 1990, als es Ihnen um die Rückgabe der aus Ihrem Lande geraubten Kulturschätze ging!

Abschließend, werte Kolleginnen und Kollegen, möchte ich anmerken, dass die Unbeugsamkeit ein Charakteristikum des Willens und nicht der Meinung sein sollte.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Panagiotis Kouroumplis

Abgeordneter des Wahlkreises Athen B' - SYRIZA
Rechtsanwalt - Doktor der Sozialwissenschaften