Auf dem Indizienfeld

2000 Jahre Varusschlacht - Im Jahre 9 u.Z. besiegte der Cherusker Arminius drei römische Legionen

Auf dem Indizienfeld
Rüstzeug und Faktenfutter zur Varusschlacht
von Christian Thomas

Wer heute, und das kann auch morgen oder übermorgen sein, mit dem Ziel Varusschlacht aufbricht, wappne sich wohl. Macht er sich doch auch weiterhin, 2000 Jahre nach dem Gemetzel, in ein schwieriges Gelände auf. Das liegt nicht allein an dem nach wie vor schlüpfrigen Grund, den das Westfälische auch heute noch bieten kann, dort, wo das Varusgrab liegen soll - aber wo denn nur, es gibt so viele schaurige Sümpfe, das hat Kontinuität.

Und so rüstet sich der Reisende mit Lesestoff über den Tatort, der irgendwo im Teutoburger Wald liegen soll, wie es bereits bei Tacitus hieß, der seine Geschichte vom Untergang des Varus nicht als Augenzeuge schrieb, sondern mit dem Abstand von rund 100 Jahren auf das Datum 9. n. Chr.. Anders war es bei Ovid, der, auch er kein Beteiligter, wohl aber als Zeitzeuge eines Ereignisses berichtete, das das Selbstbewußtsein einer Weltmacht erschütterte. So erreichte die Nachricht über die Vorgänge im „wilden Germanien" den Dichter in der Verbannung: „ein Gerücht bis in die Ferne zu mir", klagte der nach Tomi ans Schwarze Meer ausgewiesene Ovid, wie uns in diesen Tagen ein nagelneues Reclamheftchen mit „Antiken Texten zur Schlacht im Teutoburger Wald" in Erinnerung ruft.

Zum Rüstzeug im Jubiläumsjahr zählen Bücher, ein halbes Dutzend mindestens, und zur Ausrüstung gehört rasch die Erkenntnis, daß gerade der Varusschlachtforscher ein Forscher ist, der gut damit lebt, daß er mehr Fragen als Antworten hat. „Wie wütend war Kaiser Augustus wirklich?" Die Frage so zu stellen, wie es Wolfgang Korn tut, heißt sie an einen (jugendlichen) Leser zu adressieren, um sie in seiner von A bis Z temperamentvollen Darstellung unbeantwortet zu lassen.

Die Klage des Augustus, „Varus, Varus!", folgte einem römischen Ritual

Eine Erklärung bekommen wir bei Reinhard Wolters, der die in der Geschichtsschreibung immer wieder dramatisch überbewertete Reaktion des Augustus auf die Hiobsbotschaft („Varus, gib mir meine Legionen wieder!") nüchtern deutet. In der Erschütterung und den Klagen erkennt er die „zur Schau getragene Trauer" eines Herrschers, der ein Ritual bemühte, um sich der Öffentlichkeit als ein dem Schicksal ausgeliefertes Opfer zu zeigen.

Mit seinen seit Jahren zum Thema veröffentlichten Studien ist der Tübinger Althistoriker und Archäologe auch zwischen fremden Buchdeckeln eine immer wieder zitierte Autorität. In seinem Buch macht er für die Varuskatastrophe eine paradoxe Bilanz auf. Denn wenn auch ihre Konsequenzen bis in die Gegenwart reichen, so stellte sie „weder militärisch noch politisch einen Einschnitt dar!" Nicht nur bei diesem Detail zeigt sich Wolters' althistorischer Stoizismus, ob er nun philologische oder archäologische Quellen sichtet. Seit es die Varusschlachtschreibung gibt, seit Vellerns Paterculus und seiner Sicht der „schwersten Niederlage der Römer gegen auswärtige Feinde seit der des Crassus gegen die Parther", kommt Varus schlecht weg.

Auch nach der Varusschlacht operierte Rom im „Ostblock der Antike"

Mit Wolters wird der Rückblick zur Korrektur, denn die „Überlieferungslage sollte davor warnen, in dem immensum bellum eine gänzlich neue Phase römischer Germanienpolitik zu sehen." Die von der Forschung immer wieder behauptete Zäsur bestreitet auch Ralf-Peter Märtin.
Märtins Buch bietet das breiteste und am tiefsten gestaffelte Panorama, perspektivenreich erzählt er, wie römische Außenpolitik militärische und wirtschaftliche Doktrin miteinander zu verknüpfen wußte, so daß sich römische Kohorten auch nach der Niederlage des Varus weit in das Unwegsame vorwagten. Tief in dem von Tacitus beschworenen „gestaltlosen Land" wurden sie schöpferisch tätig, traten sie nicht nur, wie Germanicus auf seinen Vergeltungsfeldzügen, als Zerstörer auf, sondern als Gründer von Marktflecken oder Bergwerken. Tacitus hatte Arminius zum „Befreier Germaniens" stilisiert. Und nicht nur das, die Art, wie er über die Schlacht von Idistaviso schreibt, läßt an eine „Melange aus Nachricht, Legende und Plagiat" denken, seine Analyse des Rückzugs Roms an „antike Krisen-PR", wie Dirk Husemann es nennt, waren doch die Hinweise auf Zwietracht und innenpolitische Querelen als Begründungen fadenscheinig.

Roms Verzicht auf Germania Magna beurteilt Märtin als „bewußte Strategie", aus einer heutigen Sicht ging es um Clusterbildung zur wirtschaftlichen Durchdringung des Landes - einer „Unruheregion", wie es bei Tillmann Bendikowski heißt oder, so Husemann: im „Ostblock der Antike".

Husemann und Bendikowski sind um Aktualisierungen und Analogieschlüsse nicht verlegen, Husemanns Buch ist zweifellos auf furchtloseste Weise auch flott geschrieben, vor allem in den Anfangskapiteln, wenn „Im Norden nichts Neues" ausgemacht wird und bereits im nächsten Satz: „Bevor Varus kam, war über allen Gipfeln des wilden Germaniens Ruh'." Über oder doch eher unter? In der Folge dosiert Husemann seine Sentenzen, die Tendenzschriftstellerei des Tacitus beargwöhnt er sehr entschieden um am offensichtlichsten die Tradition des antiken Doku-Dramas zu revitalisieren.

Keine Neuerscheinung, die sich nicht mit der Legendenbildung und Lokalisierung beschäftigt hätte. Tatsächlich ist, wie es bei Bendikowski heißt, das „Mißverhältnis zwischen dem historischen Ereignis der Varusschlacht und dem Mythos" offenkundig, umso faßlicher bei Bendikowski selbst, heißt doch sein Buch „Der Tag, an dem Deutschland entstand". Schon das Vorwort dient dazu, den Titel „als hierzulande gerne gepflegte Annahme" anzufechten, weiß doch auch Bendikowski zu erzählen, daß der Sieg des Cheruskerfürsten Arminius über die Supermacht Rom geschichtspolitisch instrumentalisiert wurde.

Keine Neuerscheinung, die auf eine kritische Rekonstruktion der deutschen Wirkungsgeschichte auf eine fatale Herkunftslegende verzichtet hätte. Und so muß es kommen, daß die Autoren so etwas wie eine urdeutsche Ideologie Revue passieren lassen; sie war verheerend, angefangen von einem dümmlichen Patriotismus bis zur Generalmobilmachung eines rassistischen Germanenkults.

So arbeiten die Autoren auch an einer Archäologie der deutschen Ideengeschichte und Klischeeproduktion - parallel zu ihren philologischen Interessen an der Spurensuche der Varusschlacht. Sage und schreibe über 700 Örtlichkeiten sind seit der Spätantike zum Schauplatz der Varusschlacht erklärt worden, sie wurden in ganz Deutschland ausgemacht, von Augsburg über Frankfurt und Mainz bis Duisburg. Vier Haupttheorien bildeten sich zuletzt heraus, sie siedelten den Hinterhalt, den ein römischer Hilfstruppenoffizier für rund 20.000 Legionäre legte, an den Ausläufern der Münsterländer Bucht an. Man könnte von Norden nach Süden geradezu einen Halbmond ausmachen, der sich vom Wiehengebirge über den Teutoburger Wald bis zum Arnsberger Wald legt.

Die Varusschlacht fand wahrscheinlich im September des Jahres 9 n. Chr. statt, wahrscheinlich handelte es sich um ein über mehrere Tage sich hinziehendes Gemetzel, mit Sicherheit einen Guerillakrieg des Cheruskerfürsten Arminius, der von Rom zum Legionär und Offizier ausgebildet und zum Bürger ernannt worden war und das Vertrauen ausnutzte, um die 17., 18. und 19. Legion samt Troß niederzumachen. Ob sich Varus in Kalkriese ins Schwert stürzte, ist bis heute nicht erwiesen, angesichts der Funde ist wahrscheinlich, daß es hier zu Entsetzlichem kam. Kalkriese, nördlich von Osnabrück, ist seit rund 20 Jahren das zweifellos ergiebigste archäologische Feld, dafür sprechen freigelegte Knochengruben und Wallanlagen. Dazu zählen, neben der Trouvaille, die im Lager der Kalkrieseverfechter wie ein Triumph hochgereckt wurde, viele, viele unscheinbare Funde, Waffen, Werkzeuge, Arztbesteck.

Vor allem haben Münzfunde Kalkriese populär und berühmt gemacht, Münzen, deren Stempelung mit VAR für Varus deutliche Hinweise erlauben, zumal bisher keine Geldstücke geborgen wurden, die in den Jahren nach 10 n. Chr. geprägt worden sind. Ebenso wenig fanden sich Münzen aus den nach 13 n. Chr. aufgelegten neuen Serien, auch keine einzige mit dem Gegenstempel von Germanicus, dem brutalen Rächer des Varus. Kalkriese ist ein weites Indizienfeld - auf dem der letzte Beweis weiterhin ausgeblieben ist. Mag die Skepsis von wissenschaftlicher Seite zuletzt gewichen sein, so gilt doch der Satz von Peter Arens: „Die Diskussion über den Ort der Varusschlacht ist ein hermeneutisches Monstrum."

Man darf hinzufügen, daß das Monstrum aus einem Rüstzeug besteht, das immer schon aus Büchern gemacht war. Die Varusschlacht, so schrieb 1885 Theodor Mommsen, „ist ein Rätsel, nicht militärisch, aber politisch, nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen." Der Historiker und Nobelpreisträger hat Recht behalten, möglicherweise auch darin, daß er das Schlachtfeld bereits in Kalkriese verortete, ein Schürffeld, das heute überlagert wird von einer massiven Konkurrenz zum Lippischen Raum mit seinem Hermannsdenkmal.

„Varusschlachten heute" nennt der sonst sehr abgeklärte Wolters all diese Vorgänge, so belustigt wie skeptisch. Die Gefechte haben dazu gedient, die Touristenströme auf die historischen Spuren zu lenken, was angesichts mancher Hinterhältigkeiten, und die bestanden aus dem Vorwurf des Subventions- oder Fördergeldbetrugs, richtig schwierig war.

All das gehört zur Rekonstruktion eines Erinnerungsortes, den Standortmanagement und Marketing mit einem Label versehen haben. Zur Fahndung nach dem Varusschlachtfeld gehörten stets Verfechter, die sich gegen wissenschaftliche Gegenspieler, archäologische Konkurrenten und wirtschaftliche Widersacher wappneten, ob nun mit Büchern oder einer Broschüre wie dem „Varuskurier". Der versprach 2001: „Varusschlacht soll Marke werden".

Frankfurter Rundschau - 3.1.09 - mit freundlicher Erlaubnis der FR