Die Zeit, in der unsere Vorfahren lebten (1)
Von Dr. phil. Fritz Krause

Adelsherrschaft
Die Zeit, in der das Dorf 789 erstmals als „marca steinbach" urkundlich erwähnt wird, bezeichnen wir allgemein als Mittelalter bzw. Feudalismus. Es herrschten das Adelstum (Kaiser, Könige, Herzöge u.a.) und die Kirche über die Masse der leibeigenen oder hörigen Bauern. Nur wenige „reichsfreie" Städte wie Frankfurt am Main unterlagen nicht direkt dem Abhängigkeitsverhältnis. Besitz an Grund und Boden bildete das Fundament der vorhandenen Machtverhältnisse. Der Kaiser, die Könige, die Herzöge und die Kirche besaßen die größten Ländereien und Wälder u.a. Reichtümer. Zum Beispiel war das Benediktiner-Kloster Lorsch, das in der Urkunde von anno 789 die „marca steinbach" als Schenkung erwähnte, der größte Grundbesitzer in der nahen und weiten Umgebung.

Der Bauernschaft gelang es allerdings, Formen früherer Zusammenschlüsse - sogenannte Markgenossenschaften mit ihrem Eigentum an Wald und Boden - in ihre Zeit hinüberzuretten.

Dieses Relikt der früheren Geschichte änderte jedoch nichts an dem eigentlichen Abhängigkeitsverhältnis zwischen Bauern und Adel/Kirche. Denn der Bauer hatte seine ursprüngliche Freiheit verloren und war zu Frondienst und Abgaben an seine adlige Herrschaft verpflichtet. Er zahlte auch an die Kirche in Gestalt des Pfarrers besondere Abgaben - meistens in Form von Naturalien.

Die Wahrzeichen der feudalen Macht waren überall Burgen und Schlösser. Noch heute erinnern die Burgen im Taunus - hier ist als Beispiel die Burg in Königstein erwähnt - an diese mittelalterliche Zeit.

Was aber besaßen Adel und Bauern gemeinsam?

Das war ihre gegenseitige Abhängigkeit. Das bäuerliche Schicksal war eng mit dem der adligen Herrschaft verknüpft. Der Graf war Besitzer und staatliche Obrigkeit zugleich. Aus der Bauernschaft kamen die Mägde und Knechte. Der Bauer selbst leistete Frondienst in vielerlei Gestalt. Doch - zum Glück der Steinbacher - wohnte der Graf und sein Gefolge nicht in unmittelbarer Nähe des Dorfes, aber in Reichweite.

Wie sah nun das Abhängigkeitsverhältnis über Jahrhunderte konkret aus?

Die verschiedenen historischen Quellen verweisen auf sehr wechselhafte Besitzverhältnisse. Sie sahen in nackten Zahlen ausgedrückt so aus:

Zeitraum        Herrschaftsverhältnis zu:

789 - 1171      Grafen von Naring

1171 - 1285     Grafen von Bolanden und Menzenberg.

1285 - 1418     Herrschaft der Grafen von Falkenstein. Das Dorf wird jedoch von diesem um 1355 an Kronberg verpfändet.

1418 - 1535     Steinbach gelangt unter die Herrschaft von Eppstein-Königstein.

1535 - 1578     Grafen Stolberg-Königstein.

1578 - 1736     Grafschaft Hanau-Münzenberg/Hanau-Lichtenberg Amt Rodheim v.d.H.
Burg Königstein

1736 - 1806     Landgrafschaft Hanau-Kassel bzw. Fürstentum Hanau.

Sicherlich erscheinen uns diese wechselhaften Besitzverhältnisse im Rückblick fast undurchschaubar - zumal nur wenige Quellen über diese Zeit Aufschluß geben. Tatsächlich ergaben sich aus ihnen im geschichtlichen Ablauf so manche Turbulenzen und auch Streitigkeiten. Das Leben des Dorfes wurde zwangsläufig davon berührt - so auch in der blutigen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Frankfurt und den Kronberger Rittern am 14. Mai 1389. Da kam es zu einer Schlacht ganz in der Nähe von Steinbach / Kronberg. Die Frankfurter erlitten eine fürchterliche Niederlage und mußten „ihre 600 im Cronberger Schlosse 15 Wochen lang gefangen gehaltenen Krieger mit 73.000 Gulden ... auslösen" - das berichtete der „Taunusbote - Homburger Tageblatt" seinen Lesern am 4. August 1878 im Rückblick auf diesen Krieg. Natürlich machte sich der Wechsel der Herrschaft bemerkbar. Denn er zog meistens andere Pflichten nach sich. Doch an dem gerüttelten Ausmaß von Frondiensten und Abgaben änderte sich kaum etwas. Die Bürde war durchgängig groß und wog schwer. Auflehnung, wie im Bauernkrieg von 1525 und anderen Auseinandersetzungen, war eine bäuerliche Reaktion. Vor allem nach der Niederlage der Bauern verstärkte sich der Druck des Feudalstaates. Die aus der vorfeudalen Zeit noch vorhandenen Rechte der freien Märker waren immer wieder Zielscheibe des Angriffs - also das Holzrecht, das Schaf- und Weidbrachsrecht und vor allem das Jagdrecht. 1548 wird der Steinbacher Bauer Weigel vom Kronberger Ritter „in Ausübung seines Jagdrechts schwer mißhandelt". Mehr noch. Philipp der „Großmütige" verbietet in dieser Zeit sogar allen Märkern in der Hohen Mark die Ausübung der Jagd. So hatte der Schultheiß mit den wechselnden Herrschaften so seine Probleme. Er war als Ordnungsmacht unmittelbarer mit dem Grafen verbunden. Der Schultheiß wohnte lange Zeit in der Bornhohl 7 - urkundlich als Schultheißenamt 1548 erwähnt. Dieses Haus war von 1881 bis 1966 auch das Bürgermeisteramt.

Doch nicht nur der Schultheiß hatte nähere Verbindung zur Obrigkeit. Das traf im geringeren Maße auch auf den Pfarrer zu.

    Burg-Herrlichkeit

    Reichsritter von Hutten tut uns am 25. Oktober 1518 in einem Brief kund:

    Steht eine Burg auf einem Berge oder in der Ebene, auf jeden Fall ist sie nicht für die Behaglichkeit, sondern zur Wehr erbaut, mit Gräben und Wall umgeben, innen von bedrückender Enge, zusammengepfercht mit Vieh- und Pferdeställen, dunkle Kammern vollgepfropft mit schweren Büchsen, Pech, Schwefel und allem übrigen Waffen- und Kriegsgerät, überall stinkt das Schießpulver, und der Duft der Hunde und ihres Unrates ist auch nicht lieblicher, wie ich meine. Reiter kommen und gehen, darunter Räuber, Diebe und Wegelagerer... Und welch ein Lärm! Da blöcken die Schafe, brüllt das Rind, bellen die Hunde, auf dem Felde schreien die Arbeiter, die Wagen und Karren knarren, und bei uns zu Hause, die wir nahe an Wäldern wohnen, hört man auch die Wölfe heulen.

1359

Die Schlacht von Steinbach im Jahre 1389

Eine feste Burg ist unser Gott

Das Wahrzeichen geistlicher bzw. religiöser Macht waren die Kirchen, Dome und Klöster. Unser Dorf lag im Einflußbereich des Benediktiner-Klosters Lorsch und des evangelischen Dekanats Eschborn. Pfarrer kamen im Wechsel der Zeit aber auch aus anderen Ortschaften.

Das 764 ins Leben gerufene Benediktiner-Kloster Lorsch an der Bergstraße bildete neben den Abteien von Fulda und Seeligenstadt ein Zentrum geistlicher und auch weltlicher Kultur. Zugleich war es Hort der kirchlichen Organisation und des theologischen Gei1200 Jahre Steinbach142stes. Die Mönche nutzten nicht selten ihre hervorgehobene Stellung über die Seelsorge hinaus aus und häuften in relativ kurzer Zeit große Reichtümer an. Die Klöster zählten damals zu den einflußreichsten Grundbesitzern der nahen und weiteren Umgebung. Ganze Landstriche zwischen Neckar und Wetterau mit Dörfern, Kirchen, Wiesen und Feldern gehörten ihnen. Die „marca steinbach" war als Schenkung ihr Besitz.

 

 

 

 

 

 

 

Erste ev. Kirche in Deutschland

Evangelische Kirche in Steinbach.
Sie wurde auf Anweisung von Caspar II. von Kronberg (Oktober 1537) als erste evangelische Kirche in Deutschland gebaut.

etwa 1823-1840

Steinbach in der Karte des Großherzogtums Hessen, aufgenommen zwischen 1823 und 1840. Hier wird die Insellage des Ortes besonders deutlich. Steinbach war eine der wenigen herzoglich-hessischen Enklaven direkt nördlich des Stadtterritoriums von Frankfurt.

Diese Hinwendung zu materiellen Gütern bei gleichzeitiger Schmälerung der Seelsorge war eine der Ursachen für die Reformationsbewegung Martin Luthers und seiner Anhänger. Hartmut XII. von Kronenberg, der „Bekenner", zählte zu den Anhängern des Reformators. Er verfocht mit großem Eifer die Reformation. 1522/23 erließ er eine Reihe von diesbezüglichen Sendschreiben mit „schwärmerisch-religiösem Inhalt".

Martin Luther, so ist im „Taunuswächter" von 1851 zu lesen, „war über die Bestrebungen und Äußerungen Hartmuts sehr entzückt und beglückwünschte ihn in einem eigenen Sendschreiben. Ja, man sagt sogar, der Reformator sei in eigener Person in Kronenberg gewesen, um seinen ritterlichen Bundesgenossen zu besuchen und habe von der dortigen Kanzel das Wort Gottes verkündigt".

Natürlich gerieten auch die Steinbacher in den Sog dieser Geschehnisse. Das Dorf sollte 1522 ihrer adligen Herrschaft folgen und den katholischen Glauben ablegen. So geschah es vier Jahre später - im Jahre 1526.

Steinbach war dann bis 1800 ein rein evangelisches Dorf. Denn die Fürsten waren protestantisch. Doch besaß es jahrelang keinen eigenen Pfarrer und auch keine Kirche. Erst Caspar II. gab im Oktober 1537 die Anweisung zum Bau der St. Georgskapelle. Die seelsorgerische Betreuung erfolgte von Eschborn aus - und das schuf wiederum nicht wenige Probleme. So wird 1596 berichtet, „daß der Eschborner Pfarrer Johannes Vischer vor verschlossener Tür stand, als der den sonntäglichen Predigtgottesdienst halten wollte."

Und warum stand der Pfarrer Vischer vor verschlossener Tür?

Der neue Kircheninspektor von Windecken hatte Georg Fabrizius mit der Durchführung der „Zweiten hanauischen Reformation" beauftragt. Fabrizius sollte die Kirche von Altären, Götzen und Taufsteinen „säubern". Kronberg und Hanau gerieten sich deshalb in die Haare. Die Streitigkeiten schlugen hohe Wellen. Kronberg blieb Sieger.

Der eigentliche Hintergrund dieser Streitigkeiten lag aber nicht im religiösen Bereich. Die Ursachen wurzelten tiefer. Hier ging es letztlich um die Abgaben - auch der Steinbacher Bauern - an die Kirche bzw. an den Pfarrer.

Caspar II.

Der Kronberger Junker Caspar II. gibt im Oktober 1537 die Anweisung zur Errichtung der „St. Georgs-Kapelle".

Korrespondenzen der Schultheißen

Diese Streitigkeiten zwischen Steinbacher Bauern und dem Pfarrer schlugen tiefe Wurzeln. Sie überschatteten lange Zeit das kirchliche Leben im Dorf. Streitpunkt waren immer wieder die Abgaben - ja selbst vor dem Gericht. Die Dorfbewohner besaßen eine Art „dickes Fell".

Zwist und Hader prägten auch manchmal das Verhältnis untereinander und insbesondere mit den Nachbarorten. Dabei ging es ursächlich immer wieder um das tägliche Brot. Da leiden die Bauern am Anfang des 16. Jahrhunderts an einer Mißernte. Die Erträge decken geradeso den eigenen Bedarf. Doch welche Not! Die Steinbacher Bauern sind vertraglich an eine Mehrlieferung von Weizen an die Frankfurter Bäcker gebunden. Was nur tun?

Bornhohl 7 - 1549 erwähnt

Bornhohl 7 - Das Haus wird schon 1549 urkundlich als Schultheißenhaus erwähnt.

Die einfachste Lösung des plötzlich aufgetauchten Problems im Jahre 1501 ist die Verweigerung der Mehrlieferung. Und so geschah es. Natürlich stieß diese Vertragsverweigerung auf scharfe Proteste der Frankfurter Bäcker. Das Schöffengericht hatte das letzte Wort. Am Ende des Prozesses stand ein Kompromiß.

1550 gerieten die Steinbacher Bauern erneut in den Strudel von Schwierigkeiten - und wieder traf es die Bäcker in Frankfurt hart. Diesmal stritt der Schultheiß Kilian Neustadt (1545 bis 1553) kühn für die Interessen seines Dorfes. Er lenkte von der Bornhohl 7 - des späteren Lorey-Hauses - ab 1549 sein Amt. Neustadt focht mutig - aber erneut nur mit halbem Erfolg.

Waren die Steinbacher etwa Streithammel?

Altes Rathaus Steinbach

Altes Steinbacher Rathaus. Es war bis 1910 zugleich Schule.

Durchaus nicht! Geschäfte mit Frankfurt sicherten allerdings ihr Leben. Ansonsten lebten sie wie alle Menschen nicht von Brot und Arbeit allein. Geselligkeit brachte auch in unserem Dorf eine gewisse Abwechslung in das doch recht monotone Alltagsleben. 1551 erwähnte eine Urkunde das „Billische Haus" als erste Dorfschänke in Steinbach.

Und noch etwas verraten uns historische Quellen aus dieser Zeit. 1511 wird eine Mühle in unserem Dorf erwähnt. Ihr Standort ist allerdings bis heute nicht „entdeckt".

Dagegen wissen wir Näheres über die Weißkircher Obermühle. Dort mahlten die Steinbacher Bauern bis 1728 ihr Korn. Die Strecke nach Frankfurt war zu unwegsam. Zum anderen war die Anne Maria Meßner aus der Obermühle in Weißkirchen eine tüchtige und resolute Müllerin.

Das Dorf zählte am Ende des 16. Jahrhunderts erst 92 Einwohner. Es besaß zu diesem Zeitpunkt sicherlich schon eine Schule. Darauf verweist ein vergilbter Grabstein hinter der evangelischen Kirche aus dem Jahre 1637. Er schmückt das Grab des Lehrers Albert Kräuter - „13 Jahre lang Schulgedienter". Quittungen über erhaltene Naturalien und Gehälter nennen als Nachfolger den Lehrer Weyer und um 1709 den Lehrer Kriegbaum.

Natürlich steckte die Schule von damals im Verhältnis zu heute noch in den Kinderschuhen. Die Kinder gingen nur im Winter zur Schule - anfangs täglich nur eine Stunde. Die übrige Zeit halfen sie den Eltern bei der Arbeit. Dann wurde der Unterricht auf das ganze Jahr ausgedehnt. Nunmehr wurde an zwei Stunden täglich unterrichtet - meistens in den frühen Morgenstunden und auch am Wochenende.

Die Lehrer waren natürlich nicht voll ausgelastet. Sie führten nebenher eine Art Nebenlandwirtschaft mit Viehhaltung. Das Gehalt war karg und reichte nicht zum Leben. Zum anderen hing die Schule von der Kirche ab - auch der Lehrer. Auch hier ergaben sich für ihn Aufgaben.

Aus:
1200 Jahre Steinbach