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„Der fürstliche Forst wird ausgeplündert" Bürger kämpfen für ihre alten Losrechte am Ysenburger Wald / Einstige Geldquelle des Büdinger Adelshauses ist mit hohen Schulden belastet
Er war das Rückgrat der Fürsten zu Ysenburg und Büdingen, der zweitgrößte Waldbesitz in Hessen, Wirtschaftsfaktor in der Region. Doch auch der 10.000 Hektar große Forst konnte den Bankrott des millionenschweren fürstlichen Firmenimperiums nicht stoppen. Der Betrieb ist pleite.
Büdingen - Hell fällt das Licht auf den Waldboden. Mühelos. Kaum eine Krone verstellt den Weg nach unten. In großem Abstand recken dicke Eichen- und Buchenstämme ihre Äste in den Himmel. Wie letzte Zeugen stehen sie da. Zeugen aus besseren Zeiten, als die Bäume noch in dichter Formation dem Licht entgegenwuchsen. Auf 10.000 Hektar Fläche. Der Fürstenwald. Er begründete den Reichtum derer zu Ysenburg und Büdingen. Machte sie zum zweitgrößten Waldbesitzer Hessens, war das finanzielle Rückgrat, aus dem alle weiteren Firmen hervorgingen: Möbelfabrik, Sägewerk, Brauerei, Keramikbetrieb. Und der Forstbetrieb selbst war das lukrativste Unternehmen weit und breit.
Bis vor gut einem Jahrzehnt fanden dort Hundertschaften von Waldarbeitern aus der Umgebung Arbeit. Ebenso ein Dutzend Förster, denen der Musterbetrieb zugleich das Feld für wissenschaftliche Arbeiten bot. Der damalige Fürst Otto Friedrich unterhielt ein Institut für Pflanzenzüchtung, wickelte Holzgeschäfte in aller Welt ab.
Arbeiter auf die Straße gesetzt
Nichts davon ist geblieben. Ende 1999 setzte der von Geldnot geplagte Schloßherr Wolfgang Ernst Fürst Ysenburg und Büdingen als Generalbevollmächtigter seines Sohnes und eigentlichen Waldbesitzers Casimir-Alexander den letzten Forst- und Rentamtsleiter Otto Klüber samt seinen Forst-Kollegen und den Waldarbeitern auf die Straße. Stattdessen beauftragte er eine Privatfirma. „Er hat den Wald regelrecht ausplündern lassen, um Geld zu machen", sagt etwa Lothar Schramm von der Interessengemeinschaft der Losholzberechtigten, die aufgrund uralter Dienstbarkeiten jährlich Holz zum Vorzugspreis aus dem Wald holen dürfen. „Man fragt sich schon, wo Regierungspräsident und Hessenforst als Aufsichtsbehörden waren. Normalerweise darf nur so viel Holz geschlagen werden wie im Forstwirtschaftsplan festgelegt." Und wohin, will Schramm wissen, „sind die Aufforstungskredite aus der hessischen Staatskasse nach dem Wirbelsturm Wiebke geflossen?"
Mehr als fragwürdig hätten seiner Meinung aber auch die Banken gehandelt, weil sie den Wald als Sicherheit für immer neue Kredite des Fürsten akzeptierten, „offenbar ohne sich zu vergewissern, welchen Wert er tatsächlich noch hat". Ob „bei gewissen Leuten" offenbar weniger genau hingeschaut werde, fragten sich jedenfalls viele Leute rund um Büdingen, Wächtersbach und Gelnhausen, sagt Schramm. Und es wundert ihn
auch nicht, daß viele munkeln, Renommée und Beziehungen von Casimir Prinz zu Sayn Wittgenstein, Ex-Schatzmeister der Hessen-CDU und Schwiegervater des Büdinger Schloßherren Wolfgang Ernst, könne der Grund dafür sein.
Seit 2005 nun läuft das Konkursverfahren für den Forst. Wie der Reichtum derart rasant zerrinnen konnte, begreift in der Region niemand, sagt Heimatforscher Christian Vogel aus Niddatal, der den Abstieg des Fürstenhauses seit Jahren verfolgt. Am Forst lag's nicht, versichert der 84-jährige frühere Forstdirektor Walter Nieß. Allein nach den verheerenden Windwürfen 1958 und 1989/90 habe der Betrieb so viele Millionen Mark durch den Holzverkauf erlöst, daß die Zukunft des Waldes über Jahrzehnte gesichert gewesen wäre. „Es hätte gereicht, das Geld einfach aufs Sparbuch zu legen."
Millionen Euro versickerten
Statt dessen versickerten die Millionen offenbar in sonstigen Aktivitäten der Familie: Bauprojekte in Ostdeutschland, Südfrüchtehandel in Südamerika oder die defizitäre Keramik-Werkstatt in Spanien. Hinzu kam der Einbruch der Holzwirtschaft nach der deutsch-deutschen Vereinigung: „Die Treuhand warf so viel Wald auf den Markt, daß die Preise total einbrachen", bestätigt Nieß.
47 Millionen Euro lasten allein an Grundschulden und Krediten auf dem Forst. Eine Summe, die ein Verkauf im jetzigen Zustand nie erlösen könnte. 45 Cent pro Quadratmeter hält Insolvenzverwalter Jobst Wellensiek für einen realistischen Preis. „Die Banken müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, sonst gibt es keine Lösung."
Um die ringt der Insolvenzverwalter bisher vergeblich. Als heiße Kauffavoriten wurden lange die Rennfahrerbrüder Michael und Ralf Schumacher gehandelt, weil offenbar Rechnungen für Holz aus dem Wald mit deren Absender versehen waren, wie sich die Leute erzählen. Dann wieder galt der Frankfurter Flughafen als sicherer Kaufkandidat. Immerhin hätte sich Fraport mit den 10.000 Hektar Wald Ausgleichsflächen im Gegenwert von mehreren Landebahnen erworben. Insolvenzverwalter Wellensiek weist alles zurück: Weder die Schumis noch Fraport noch ein anderes
Großunternehmen stünden bei ihm auf der Matte. Mit drei Privatleuten, die alle den Wald am Stück übernehmen wollten, stehe er allerdings in Verhandlungen.
YSENBURGER FORST - Der fürstliche Forst von Ysenburg und Büdingen ist bereits zur Zeit der Merowinger um 600 n. Chr. erwähnt. Wälder waren damals herrenlos und frei nutzbar. - Zu Kaiser Barbarossas Zeiten wurden Wälder für Adelshäuser zunehmend interessant, um Jagden abzuhalten Um besonders attraktive Wälder ungestört dafür zu nutzen, wurden sie vom Kaiser zu Staats- oder Bannwald erklärt und die freie Nutzung mehr und mehr auf so genannte Dienstbarkeiten beschränkt. - Auch der Büdinger Wald war Bannwald und wurde dem Fürstenhaus Ysenburg- Büdingen vom Kaiser als Lehen überlassen. - Als Napoleon beim Wiener Kongreß 1814/15 das Ende des Kaiserreichs beschied, behielten die Ysenburger ihren Forst als Eigentum. - Durch Erbteilung wurde das zweitgrößte zusammenhangende Waldstück in Hessen in die Familienlinien Wächtersbach, Meerholz und Büdingen aufgespalten. - Fürst Otto Friedrich (1904-1990) vereinte als einziger männlicher Nachkomme in den drei Familienlinien bei seinem Erbantritt zu Beginn der 1940-er den gesamten Familienbesitz sowie den Forst auf die Hauptlinie Ysenburg und Büdingen. ANA
"Berichtigung" der FR am 30.3.06: Es ist zwar lange her, aber das ist natürlich kein Grund, die Zeiten so zu „raffen", wie es im Beistelltext zum Bericht über den Forst von Ysenburg und Büdingen (FR vom 28. März) geschehen ist. Darin ist die Rede, daß Napoleon zur Zeit des Wiener Kongresses 1814/15 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation für beendet erklärt hat. Tatsächlich war das zu der Zeit bereits Geschichte. Das „Alte Reich" zerbrach schon während der Napoleonischen Kriege, als auf Drängen Napoleons ein Teil der deutschen Fürsten den Rheinbund bildete. 1806 legte Kaiser Franz II. die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder. FR
Ein einfaches Unterfangen ist der Handel nicht. Denn auf dem Wald lasten Losholzrechte und Grunddienstbarkeiten gegenüber den Baggern umliegender Gemeinden. 8000 Raummeter Holz muß die fürstliche Familie pro Jahr Kommunen wie Kefenrod, Wächtersbach oder den Brachttaler Ortsteilen bereitstellen, die die Losholzberechtigten eigenhändig für einen Euro pro Meter aus dem Wald holen oder für zehn Euro pro Meter Holz kaufen dürfen. Wie diese uralten Rechte in einem modernen Insolvenzverfahren zu behandeln sind - ob sie wie ein Grundbucheintrag berücksichtigt werden oder einfach unter den Tisch fallen, wie der Insolvenzverwalter dies sieht - ist seit Monaten Gegenstand heftigen Streits und ein Bremsklotz bei den Verkaufsverhandlungen: „Um das zu klären, könnte jemand seine Doktorarbeit schreiben", sagt Wellensiek, der „als Optimist" dennoch von einem möglichen Kompromiß spricht.
Mit seinem Angebot, die Dienstbarkeiten per Abfindung abzugelten, biß der Insolvenzverwalter in den Kommunen bisher jedoch auf Granit. „Wir bestehen auf unseren Rechten", beharrt Lothar Schramm. Erst recht, seit die Preise für Öl und Gas weiter steigen und sich mehr und mehr Bürger auf die gute alte Holzheizung besinnen. Seit 2004 seien sie jedoch leer ausgegangen, habe der Fürst intensiv abholzen lassen, ohne den Kommunen den Pflichtteil an Holz zuzuweisen. Rund 80 Betroffene fordern nun als Interessengemeinschaft mit Lothar Schramm als Sprecher auch diese Ausstände im Insolvenzverfahren ein.
Für Schramm ist die Sache eindeutig: Die Holzrechte aus alter Kaiserzeit wurden 1885 bis 1887, just als Grundbücher eingeführt wurden, per Vertrag bei Gericht festgehalten. „Damals wurde so was nicht ins Grundbuch eingetragen." Eine Unterlassung während der Übergangszeit, die nie nachgeholt wurde. Um den aktuellen Streit zu lösen, hat die Gemeinde Kefenrod bei der Uni Gießen ein juristisches Gutachten bestellt. Zum zweiten, sagt Schramm, soll Büdingens Bürgermeister notfalls ein Präzedenzverfahren anstrengen. Die größte Chance, weiterhin Holz aus dem Wald zu holen, sieht Schramm in einem Verkauf. „Jeder Käufer müßte froh darum sein, weil die Leute ja nicht die dicken Stämme holen, sondern die Kronen, die beim Holzmachen liegen bleiben."
VERARMTER ADEL Die Finanznot der Fürsten zu Ysenburg und Büdingen und ihre Folgen für die Allgemeinheit. Eine Kurzserie der FR.
Otto Klüber, letzter Forstdirektor des Fürsten, hätte einen anderen Vorschlag: „Der Wald hat in seiner Grundstruktur eine wertvolle Baumkultur und ein sehr hohes Wachstumspotenzial. Er braucht einfach nur ein paar Jahre Ruhe, um sich zu regenerieren." Statt weiterhin teure Firmen zur Holzbewirtschaftung zu engagieren, solle sich ein Forstverwalter lediglich um Hege und Gesundheit des Bestands kümmern. „Dazu braucht man kaum Personal."
Die Banken müßten die Schulden so lange zinslos stellen, dafür würde der Forst auf lange Sicht an Wert steigen, prophezeit Klüber. „Die Preise für Öl und Gas schnellen weiter in die Höhe, entsprechend steigt auch die Nachfrage nach Holzpellets und Holz als Heizmaterial."
Hunderte von Jahren brachte ihr riesiger Forst, den der Kaiser ihnen einst als Lehen überließ, den Büdinger Fürsten satte Gewinne - und der Region Arbeitsplätze. Jetzt ist der Wald Konkursmasse und seine Zukunft ungewiß.
Anita Strecker
Frankfurter Rundschau - 28.3.06 - mit freundlicher Erlaubnis der FR
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