VI. Jüdisches Leben

Seit vielen Jahrhunderten lebten Juden in unserer Region. Im 13. Jahrhundert sind sie erstmalig in Gelnhausen urkundlich erwähnt. Gute und schlechte Zeiten wechselten im Lauf der Jahrhunderte: Es gab Pogrome und Vertreibungen, aber spätestens im 19. Jahrhundert konnten die Juden als integriert gelten. Zu dieser Zeit entfielen alle entwürdigenden Bestimmungen und besonderen Steuern für die jüdische Bevölkerung. Sie hatte nun freien Zutritt zu Handwerk und Gewerbe und mußten nicht in einem Ghetto - in Gelnhausen befand es sich seit dem 18. Jahrhundert in der Judengasse, der heutigen Brentanostraße - wohnen. Hier stand von altersher die Synagoge. Zu ihr gehörte, um einen Hof gruppiert, ein Gemeindehaus mit Schulraum und Lehrerwohnung, ein Garten, ein Brunnen sowie eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad.

Um 1900 wohnten etwa 200 jüdische Bürger und Bürgerinnen in Gelnhausen. Sie waren Schuhmacher, Händlerinnen, Buchdrucker, Kaufleute, Modistinnen, Hausierer. Es gab einen Arzt und einen Rechtsanwalt unter ihnen. Ihre wirtschaftliche Situation war zumeist befriedigend. Jüdische Männer zogen wie andere 1914 in den Krieg und teilten mit ihren christlichen Zeitgenossen die Verblendungen um das vermeintlich angegriffene deutsche Vaterland. Eine beträchtliche Zahl von ihnen ließ dabei ihr Leben. Das Vaterland hat es ihnen nicht gedankt.

Auch in Bad Orb lebten seit langer Zeit Juden. Seit dem 15. Jahrhundert sind sie nachgewiesen. Auch hier gibt es eine Synagoge, die 1871 am Solplatz eingeweiht wurde. Mitte der zwanziger Jahre lebten in Bad Orb 64 jüdische Menschen, viele arbeiteten im Textil- und Einzelhandel; es gab einen jüdischen Arzt und ein Hotel, das einer jüdischen Familie gehörte.

Jüdische Gefallene des Ersten Weltkrieges aus dem Altkreis Gelnhausen:

GELNHAUSEN:

FISCHBORN:

ROTH:

Bornheim, Bernhard

Weisbecker, Arthur

Herzog, Alfred

Flörsheim, Moritz

Weisbecker, Simon (die

Herzog, Willi

Gabriel, Theodor

Namen der beiden jüdi-

Stern, Hermann

Halle, Siegfried

schen Gefallenen wurden

 

Hecht, Julius

auf dem Kriegerdenkmal

SCHLIERBACH:

Moritz, Siegfried

nach 1933 entfernt)

Oppenheimer, Samuel

Schmidt, Isidor

 

 

 

HELLSTEIN:

SOMBORN:

BAD ORB:

Grünebaum, Zadock

Frank, Ferdinand

Mainz, Sally

Kaufmann, Lazarus

 

Schottländer, Adolf Max

 

WÄCHTERSBACH:

Wolfeiler, Siegfried

MEERHOLZ:

Grünebaum, Jakob

 

Flörsheim, Alfred

Heinemann, Leo

BIRSTEIN:

 

Levi, Leo

Goldschmidt, Hermann

NIEDERMITTLAU:

Loebenberg, Ludwig

Rosenthal, Siegfried

Hirsch, Leopold

Rosenberg, Sally

Schuster, Sally

 

 

Strauß, Markus

 

 

In dem kleinen Landstädtchen Wächtersbach lebten Juden ebenfalls seit Jahrhunderten. Auch hier baute man im 19. Jahrhundert eine Synagoge. Sie wurde 1895 in der Bleichgartenstraße - zwischenzeitlich hieß sie Hindenburgstraße - eingeweiht. Das Gebäude blieb erhalten, ist aber nach Umbau als Bankhaus heute kaum noch zu erkennen. 1925 wohnten 55 jüdische Menschen in Wächtersbach. Sie waren Viehhändler, Groß- und Einzelhändler und Handwerker.

Noch herrscht Normalität:
Geschäfts- und Familienanzeigen von Juden aus dem Bad Orber Anzeiger und aus Gelnhäuser Zeitungen.

Zeitungsanzeigen

Zeitungsanzeigen aus den 20-ern

Zeitungssanzeigen aus den 20-ern

Aber nicht nur in den Städten, auch in den Dörfern des Altkreises lebten Juden. Die nebenstehende Tabelle gibt darüber Aufschluß.

Jüdische Bevölkerung im Altkreis Gelnhausen

 

1925

1937

Gelnhausen

215

45

Altenhaßlau

7

0

Bad Orb

64

40

Birstein

116

3

Fischborn

28

2

Hellstein

20

14

Kirchbracht

11

1

Lichenroth

51

2

Lieblos

8

6

Lohrhaupten

20

9

Mauswinkel

4

0

Meerholz

55

9

Niedergründau

4

0

Niedermittlau

12

3

Roth

8

0

Schlierbach

23

0

Somborn

42

24

Unterreichenbach

9

0

Wächtersbach

55

29

Wüstwillenroth

3

0

Gesamt

755

187



Durch den faschistischen Terror ab 1933 hatte sich die jüdische Bevölkerung in allen Orten des Altkreises stark vermindert. Viele lebten dann zunächst in den großen Städten des Umlandes oder waren ins Exil getrieben.

Die 755 Juden, die Mitte der zwanziger Jahre im Altkreis Gelnhausen wohnten, machten gerade mal 1,5 Prozent der gesamten Bevölkerung aus, während 61,7 Prozent der Einwohner zur evangelischen und 36,7 Prozent zur katholischen Kirche gehörten. Auch im Deutschen Reich war der Anteil der Juden nicht größer. Er belief sich auf weniger als ein Prozent der Bevölkerung der Weimarer Republik. Die Juden stellten alles andere als ein 'volksfremdes Element' dar. Politisch waren sie eher 'vaterländisch' als links orientiert. Die Jüdische Wochenzeitung brandmarkt 1924 die rechtsgerichteten jüdischen Mitbürger: „Juden haben bekanntlich beim Kapp-Putsch mitgemacht, sie wirken noch heute für die nationalen Kreise"; diese Orientierung zur politisch rechten Seite nützte den Juden freilich nichts. Denn der nach dem Ersten Weltkrieg aufflammende Antisemitismus versuchte, sie für die militärische Katastrophe 1918 verantwortlich zu machen. Wie häufig in der Geschichte benötigte man Sündenböcke, und seit Jahrhunderten hatten geistliche und weltliche Fürsten stets die Juden für alles Unglück verantwortlich zu machen verstanden. Insofern konnten sich die Antisemiten in alter Tradition sehen.

Dennoch ist das jüdische Leben in den zwanziger Jahren weitgehend unbehelligt von feindlichem Verhalten. Man geht seinen Geschäften nach, macht bei den zahlreichen Vereinen mit, feiert seine Feste, begräbt seine Toten und lebt ein unauffälliges, normales Leben. Die jüdischen Kinder besuchen mit anderen zusammen die Schule. Von den 157 Schülern der damaligen Gelnhäuser Realschule, heute Grimmelshausen-Schule, sind acht jüdischen Glaubens. Ihr Verbleib in der Schule sollte nicht mehr lange dauern.

Kaisertreu in Gelnhausen

Josef Blumenbach führte das erste Autohaus am Ort, 1933 mußte er Gelnhausen fluchtartig verlassen.

Noch aber sind die Zeitungen voll von Familien- und Geschäftsanzeigen jüdischer Mitbürgerinnen, was wenige Jahre später undenkbar erscheint. Dann wird nur noch in der Zeitung annonciert, wenn ein Geschäft mal wieder in 'arische Hände' übergegangen ist.

1925 gratuliert das Gelnhäuser Tageblatt der Mehl- und Getreidefirma Goldschmidt & Meyer zum 25-jährigen Geschäftsjubiläum. Auf soliden Geschäftsgrundsätzen aufgebaut, habe sich die Firma einen guten Namen gemacht. „Möge auch ferner Ihr Erfolg beschieden sein", wünscht die Zeitung - eine freundliche Anerkennung, die im Widerspruch steht zu den antisemitischen Hetzartikeln, die einige Jahre später das Gelnhäuser Tageblatt zieren.

Auch ein Bericht über eine gelungene Veranstaltung des Gelnhäuser Synagogenchors von 1926 bezeugt, wie unbeschwert das Leben der jüdischen Bevölkerung noch war: Man veranstaltet im Saal der 'Hoffnung' eine Abendunterhaltung mit Singspiel, Theateraufführung und einem großen Ball mit Tombola. Der Redakteur der Tages-Zeitung für den Kreis Gelnhausen schwärmt von vorzüglichen Darbietungen der jüdischen Laien-Künstlerinnen und brausendem Beifall des Publikums.

Wenige Jahre später ist das alles vergessen: Die jüdischen Stadtverordneten müssen 1933 überall ihre Gemeindeparlamente verlassen. Die Vereine passen sich den Gegebenheiten an und schließen jüdische Mitglieder aus. Stück für Stück wird den Juden der Lebensraum genommen; sie werden aus der Rechtsordnung ausgegliedert. Wie begann es?

Aus:
Kaisertreu - das Buch, das Sie lesen müssen!