Nicht Bollwerk, sondern Wasserleitung
Die Heidenmauer soll ein Aquädukt gewesen sein, meint der Architekt Martin Lauth / Jahrelange Forschung

Von Mirjam Ulrich

Für Obelix, den Gallier, wäre der Fall klar: „Die spinnen, die Römer" - bauen eine riesige Mauer mitten durch die Stadt, die später einmal Wiesbaden heißen sollte. Lange Zeit galt die so genannte Heidenmauer unter Archäologen und Historikern als Befestigung gegen feindliche Alemannen. Doch daran hatte der Wiesbadener Architekt Martin Lauth seine Zweifel. Durch mehrjährige Forschung kam er zu einem anderen Ergebnis: Bei der Heidenmauer handele es sich in Wahrheit um ein Aquädukt, also eine antike Wasserleitung.

„Die Auffassung, die Heidenmauer sei ein Verteidigungsbollwerk gegen den Ansturm der Alemannen, entstand aus dem wilhelminischen Zeitgeist heraus", sagt Lauth. Damals wurde die Mauer zum Durchbruch freigelegt und 1903 das „Römertor" gebaut.

Die bis zu zehn Meter hohe Mauer, die seit spätrömischer Zeit durch die Altstadt verläuft, ist auf einer Länge von etwa 80 Metern erhalten. 2000 Tonnen Kalk haben die Römer nach Lauths Berechnungen dafür an Ort und Stelle gebrannt, das entspricht heute 40 000 Sack Zement. ,,Als Verteidigungsmauer ergibt sie in der gesamten Situation des römischen Heeres und der Topographie von Wiesbaden aber keinen Sinn", so der Architekt. Lauth studierte darum alte Landkarten, die er aus Archiven ausgrub. Mit dem geübten Blick des Architekten fiel ihm auf, daß die Mauer in direkter Verlängerung einer fünf Kilometer langen Wasserleitung verläuft, die von den Kisselbornquellen zum befestigten Kastell auf dem heutigen Römerberg führte. Diese Leitung existierte bereits seit dem ersten Jahrhundert nach Christus.

„Wiesbaden wurde sehr früh das Sanatorium der Mainzer Legionen - warmes Wasser im kalten Germanien", sagt Lauth mit einem Lächeln. Doch das Thermalwasser war als Trinkwasser ungeeignet, und die Römer tranken auch nicht aus dem Rhein. Die vorhandenen Tiefbrunnen konnten nach mehrfachen Brandschatzungen schon im ersten Jahrhundert nicht mehr genutzt werden.

Die Heidenmauer wurde unter Kaiser Valentinian zwischen 364 und 373 unserer Zeitrechnung gebaut, und zwar quer durch die römische Siedlung, die entlang der heutigen Langgasse entstanden war. „Vom Geisberg kamen aber keine Feinde", sagt Lauth. Für ihn stellt sich die Mauer vielmehr als wassertechnisches Bauwerk dar. Schließlich galt es, die Siedlung mit Trinkwasser zu versorgen und dabei den Höhenunterschied zwischen dem Kastell und der Siedlung zu bewältigten, so daß das Wasser gefahrlos von oben herunterfließen konnte.

Reste der Mauer zeugen davon, daß sie bis zur Marktkirche und noch darüber hinaus verlief. Allerdings wurden immer nur kleine Stucke gefunden - wie etwa von Stützpfeilern für Rundbogen einer offenen Mauer, die typisch für ein Aquädukt sind.

Genau solche Rundbögen sind auch auf einer historischen Darstellung der Heidenmauer zwischen Mauergasse und Grabenstraße zu sehen, die im Stadtarchiv auftauchte. Für Martin Lauth ein weiterer Beleg für seine These. Er hofft daherum, daß Wiesbadener Postkarten wie diese auf ihren Dachböden suchen und finden und sie dem Stadtarchiv zur Verfügung stellen.

Das Stadtarchiv ist erreichbar unter Telefon 0611/3l 3219
Architekt Martin Lauth

Martin Lauth ist überzeugt: Als Verteidigungsmauer macht das Bauwerk keinen Sinn.   

Frankfurter Rundschau - 25.9.07 - mit freundlicher Erlaubnis der FR