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Das sprachliche Gedächtnis einer Region Fulda 29. Dezember 2005 - „ToM" nennt sich ein erst vor einem Jahr ins Leben gerufene „Tonarchiv osthessischer Mundarten", das die Vielfalt der in und um Fulda gesprochenen Dialekte lückenlos und flächendeckend dokumentiert und konserviert. Zur Herstellung „eines sprachlichen Gedächtnisses der Region" haben freiwillig und mit großem Spaß über 400 „Plattschwätzer" beigetragen. Zu hören sind die Sprechproben auch online. Als Kind habe er sich seines Dialektes geschämt, erinnert sich der Sprachwissenschaftler Stefan Arend. „Man kam sich da quasi wie einer in Lederhosen zwischen lauter Anzugträgern vor." Und die Lehrer waren nicht nur bei ihm, sondern bei allen mundartsprechenden Mitschülern heftig bemüht, das „falsche Deutsch", den Die Verdrängung der deutschen Dialekte wäre fast gelungen, sagt Arend heute: „Nach 1945 ist die Mundartkompetenz in vielen deutschen Landen drastisch, mancherorts sogar dramatisch zurückgegangen." Platt schwätzen können vielerorts nur noch die Alten. Aber mit diesem Verlust der regionaltypischen Sprechweise ging auch ein Stück Heimat verloren. „Mit jedem Jahr, in dem die Welt kleiner wurde - und wir scheinbar globaler – wurde den Menschen auch bewusst, dass Mundart ganz wesentlich regionale Identität und Wurzeln bedeutet. Wo komme ich her? Wer bin ich?", sagt der 41-Jährige. Und der Widerstand gegen die Ausschließlichkeit der alles gleichmachenden Hochsprache wuchs, mittlerweile ist sogar vorsichtig von einer Mundart-Renaissance die Rede. Arend, der sich schon während seines Studiums und in seiner Dissertation mit der Erforschung von Mundarten beschäftigt hatte, startete in seiner Wahlheimat Fulda ein bislang einmaliges Projekt. Das „Tonarchiv osthessischer Mundarten" - kurz ToM - sollte auch für kommende Generationen belegen, wie sich die eigenständige Sprache dieser Region anhört. Die Idee entstand während einer Theatervorstellung in Rhöner Platt - und war so durchschlagend, dass es mittlerweile mehr als 10 000 Mundart-Proben von Menschen aus der Region Osthessen auf Konserve gibt. Unter der Überschrift „Mir schwatze platt" wurden Sprachproben aufgenommen, gesammelt, dokumentiert und so für die Nachwelt konserviert. „ToM wehrt sich damit erfolgreich gegen das Vergessen." Retten, was noch zu retten ist Mit den gespeicherten und auch im Internet weltweit abrufbaren Tonbeispielen sollte einerseits gerettet werden, was noch zu retten war, aber gleichzeitig deutlich gemacht werden, dass Mundart es wert ist, sich mit ihr zu beschäftigen und ihr damit eine Chance zu geben. Bei den erbetenen Sprechproben, die von den Probanden selbst auf Kassette oder Video aufgezeichnet wurden, gab es eine Pflicht und eine Kür. Obligatorisch mussten die Teilnehmer 40 standardisierte Sätze in die eigene Mundart übersetzen, die so schon dem Deutschen Sprachatlas von Georg Wenker 1880 als Vergleichsbasis dienten. Darunter so sinnfällige Sprüche wie „Mein liebes Kind, bleib hier unten stehen, die bösen Gänse beißen dich tot" oder „Ich schlage dich gleich mit dem Kochlöffel um die Ohren, du Affe". Beim Vergleich dieser Wenker-Sätze können die spezifischen regionalen Unterschiede festgeschrieben und untersucht werden. Dabei wird hörbar, daß Dialekt keineswegs bedeutet, die Sprache zu vereinfachen. „Dos konnste gemoch" für „das kannst du machen", sagt der Fuldaer. Bei der Kür waren keine Grenzen gesetzt, die Sprecher verewigten sich mit Anekdoten, Gedichten, Erzählungen und Liedern in Mundart. Die archivierten Hörproben kommen aus allen Gebieten des Landkreises Fulda, aber auch darüber aus Nordhessen, aus Franken und Thüringen. Und aus den USA: Elisabeth Ginsberg stammt aus Flieden und lebt seit mehr als 40 Jahren in Columbia /Maryland. Wie die anderen Teilnehmer hat sie die 40 vorgeschriebenen Sätze auf Band gesprochen, in denen in ihrer alten Heimat häufig ein „i" als Wortendung angehängt wird. Aus Freude an ihrem Heimatdialekt hat sie noch eine Geschichte aus ihrer Kindheit beigesteuert. Von den Nachbarsjungen „Andon un Rischard" ist da die Rede, „so klaane Käuzerie", die sich am langweiligen Sonntag damit vergnügen, einen Schubkarren mit viel Schwung einen Abhang hinunterzuschieben und an eine Wand krachen zu lassen. Aber dem Vater ist die Sonntagsruhe heilig und er verbietet den Jungen das lärmende Spiel. Was die darauf entgegnen, ist zum geflügelten Wort in ihrer Familie geworden, hat die in Flieden Gebürtige aufgezeichnet: „Wann mer ma Schubkarrn will fahrn, is Sonntich!" Das Projekt ToM „ist ein großer Erfolg - nicht nur für die Region", sagt Stefan Arend. Außer dem Tonarchiv sind die bemerkenswertesten Kürbeiträge auf eine CD gepresst zu kaufen. Alle vorhandenen Mundartproben sollen Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit werden. Die Beiträge wurden der „Forschungsstelle für Sprache in Hessen" an der Philipps-Universität in Marburg zur Verfügung gestellt. Hörproben: www.medienzentrum-fulda.de. Längst schämen sich die Osthessen nicht mehr ihres Dialekts. Im Gegenteil: Nicht umsonst sind Mundartgruppen wie hier die „Rhöner Säuwäntzt" so erfolgreich.
“Heimat ist für mich eher ein geografisches Gebilde. Heute glaube ich dieses Gefühl von Heimat verspüren zu können, wenn ich als Mensch authentisch sein kann – in meinen vielfältigen Lebensäußerungen, auch und vor allem im sprachlichen Ausdruck. Und das ist - vielleicht und gerade heutzutage - das angenehmste Gefühl von Freude und Glückseligkeit.” Stefan Arend, Fulda Frankfurter Rundschau - 7.12.04 - mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau |