Das Unrecht geht einher mit sicherem Schritt...

Dieses Werk von Dr. Christine Wittrock ist erschienen im CoCon Verlag. Es ist noch in wenigen Exemplaren vorrätig. Kaufpreis: 12,80 Euro. Die beschriebenen Ereignisse aus dem Altkreis Gelnhausen sind typisch für die Nazizeit und haben sich in gleicher oder ähnlicher Form vieltausendfach im III. Das Unrecht geht einher: sehr  lesenswert!Reich zugetragen.

Und genau so ging es auch den Arisierungsgewinnern: die Gewinne blieben in ihren Taschen. Doch die Opfer des NS-Terrors, wie im beispielhaft ausgewählten Schicksal des Langenselbolder Zimmererpoliers Valentin Schmidt beschrieben, blieben nicht nur tot - sie wurden auch schnell vergessen: von ihrer Umgebung, von ihrer Heimatstadt. Und von der westdeutschen Justiz auf jeden Fall. Über Männer wie Valentin Schmidt wird nie ein Film gedreht werden - er war ja nur ein Mann von “Unten”, ein Arbeiter, ein Handwerker. Ein Mensch, dem einfach am Arbeitsplatz die Galle überlief wegen all der Verbrechen der Nazis. Er wurde von Arbeitskollegen denunziert.

Das Buch von Christine Witttrock sollte von jedem Mitmenschen gelesen werden, der sich näher mit unserer jüngeren Geschichte befassen möchte.

 

 

Lesen Sie hier die Einleitung der Autorin:

Historische Wahrheiten können, wenn überhaupt,
erst dann ausgesprochen werden,
wenn sie von wenig Interesse sind.

Erwin Chargaff

 

Als ich Mitte der achtziger Jahre damit begann, Faschismusgeschichte regional zu erforschen, war dies noch ein Novum.

Das Thema Faschismus war jahrzehntelang in der Geschichtswissenschaft vernachlässigt worden. Faschismusgeschichte galt ganz allgemein als politisch prekär; geradezu brisant erschien es den Zeitgenossen aber, die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 nicht nur weltpolitisch oder ideologiegeschichtlich, sondern regional - und damit sehr konkret vor Ort - zu analysieren.

Die Quellenlage war und ist meist recht gut; gibt es doch über diesen Zeitraum noch vielfältiges Aktenmaterial sowie Zeitzeugen, die in der Regel gern über ihre erlebte Geschichte berichten.

Leider war der Zutritt der Forschenden zu wichtigem Aktenmaterial in der Vergangenheit nicht immer leicht und wohl auch regional recht unterschiedlich. In manchen Landstrichen stand dem/der Historikerin eine geschlossene Front vom örtlichen Stadtarchivar bis zu Staats- und Kirchenarchiven gegenüber. Und wenn man stets erst mit dem Klageweg drohen muß, um an Quellenmaterial zu kommen, erschwert und verzögert dies jede wissenschaftliche Arbeit.

In Südhessen herrschte diesbezüglich zum Glück ein liberalerer Umgang, jedoch noch 1989 (als es bereits ein neues hessisches Archivgesetz gab, welches den Zugang zu NS-Akten erleichterte) versuchte die Leitung des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden mir die Einsichtnahme in bestimmte Akten für mein damaliges Forschungsgebiet Egelsbach zu verweigern. Dieser Versuch, ohne jede gesetzliche Grundlage der Forschung Quellenmaterial vorzuenthalten, zeigt, wie sehr man in der Vergangenheit bemüht war, den Faschismus - und insbesondere die regionalen Begebenheiten - unter den Teppich zu kehren. Inzwischen gibt es eine neue Leitung im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden und diese Probleme gehören mittlerweile der Vergangenheit an.

Daß ganz allgemein der Zugang zu brisantem Aktenmaterial nun leichter geworden ist, verdankt sich vor allem der Tatsache, daß die Generation der „Täter" verstorben oder zumindest nicht mehr im beruflichen Leben aktiv ist. Die Nachkriegsgesellschaft hatte kein Interesse daran, die dunkle Vergangenheit ihrer eigenen Eliten mitsamt ihren kaum unterbrochenen Karrieren untersuchen zu lassen. Im Gegenteil: Es gab lange Zeit so etwas wie eine „emotionale Solidarität mit den Tätern", mit denen man im bürgerlichen Milieu aufs Vielfältigste verbunden war.

Die Erforschung des Faschismus auf regionaler Ebene steckt noch in den Anfängen. Durch diese Forschungslücke entsteht der Eindruck, als sei der Nationalsozialismus „von oben" oder „von außen" diktiert worden. Wie die wenigen vorliegenden Ergebnisse jedoch deutlich machen, wurde der Nationalsozialismus von breiten Teilen der Bevölkerung mitgetragen und konnte sich oft gut mit dem Alltagsleben in der Region verknüpfen. Die nationalsozialistischen Organisationen waren keineswegs isolierte Verbände, sondern in der Bevölkerung verankert und verfügten häufig über viele begeisterte Anhänger.

Aus diesem Grund ist auch eine generelle Anonymisierung von Namen in der regionalen Faschismusforschung wenig sinnvoll. Damit nämlich wird in Kauf genommen, daß ein verzerrtes Bild der Vergangenheit entsteht: Der Faschismus entsteigt den schaurigen Tiefen der Weltgeschichte und hat nur fremde, anonyme Täter.

Beispiel für diese Sichtweise ist eine in vielen Städten stereotyp wiederkehrende Lokallegende, die besagt, daß 1938 die Synagoge stets von Unbekannten aus der Nachbarstadt angezündet worden sei.Das Unrecht geht einher...

Dagegen wäre zu zeigen, daß die nationalsozialistischen Täter sich keineswegs aus Unbekannten oder Fremden rekrutierten: Es waren häufig die bekannten Akteure des Ortes, Provinzhonoratioren und Herrenmenschen, Karrieristen, Opportunisten und gläubige Anhänger, jedenfalls keine Outlaws, Straftäter oder Kriminelle, wie die Schwere der Taten das dem unkundigen Betrachter nahelegen könnte.

Und genau an dieser Frage hat redliche Forschung anzusetzen:
-   Wie kommen ehrbare Bürger dazu, jüdische Geschäfte zu plündern?
-   Welches weltanschauliche Klima muß erzeugt gewesen sein, damit es zum guten Ton gehörte, Mitglied in einer NS-Organisation zu sein und sich unbeschwert denunziatorisch oder volksverhetzend zu äußern?

Das Nennen von Namen in der zeitgeschichtlichen Regionalforschung stößt zuweilen auf Kritik, zumal dann, wenn sich die eigenen Vorfahren nicht zum Vorteil für die Nachwelt dargestellt haben.

Es ist weitgehend ins Ermessen des Autors/der Autorin gestellt, welche Namen genannt werden: Personen der Zeitgeschichte und solche, die in besonderer Weise an herausragenden Ereignissen beteiligt waren, dürfen ohnehin genannt werden. Auch Personen, die bereits zehn Jahre verstorben oder vor über 100 Jahren geboren sind, unterliegen der Berichterstattungsfreiheit. Aus diesem Grund wurden im Folgenden nur wenige Namen unkenntlich gemacht. Es ist allerdings zu fragen, ob mit dem Anonymisieren von Namen irgend jemandem gedient ist, ist doch bekannt, daß gerade damit ein Rätselraten beginnt, welcher Name hinter welcher Abkürzung sich verbirgt.

Der folgende Text nennt Namen, - nicht um individuell Schuldige auszumachen (der Faschismus ist keine Frage von individueller Schuld!) sondern, um zu zeigen, daß der Nationalsozialismus seine Träger im bürgerlich-kleinbürgerlichen Milieu hatte.

Das Motiv zur Beschäftigung mit Faschismusgeschichte ist häufig die Frage nach den ehemaligen jüdischen Mitbürgern. Viele deutsche Städte verkündeten es Ende der dreißiger Jahre als Erfolgsmeldung, daß sie nun „judenfrei" seien. Und seither sind sie es meist geblieben. Nichts also ist berechtigter als die Frage: Kain, wo ist dein Bruder Abel?

Aber es reicht nicht, den Faschismus vom Antisemitismus her erklären zu wollen. Auch der reaktionärste Politiker wird sich noch vom Holocaust zu distanzieren suchen nach der Devise: Der Nationalsozialismus war ganz in Ordnung, nur das mit der Judenvernichtung ging zu weit.

Eine fundierte Faschismuskritik muß die Sonde tiefer stellen. Die Verstrickung in faschistische Politik beginnt lange vor 1933.

Sie beginnt mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der bolschewistischen Revolution in Rußland. Die Klassen, die nach 1918 Angst vor dem Verlust ihres politischen Einflusses hatten - Großindustrielle, Großagrarier, Deutschnationale - hatten die Republik als Staatsform nie wirklich anerkannt. Sie wollten, wenn schon nicht einen Kaiser, so doch einen „Führer", der die gut organisierte Arbeiterklasse im Zaum hielt. Zudem sah man sorgenvoll nach Rußland: Wenn dieses Beispiel Schule machte, so war die politische Macht für diese Klassen dahin. Also wollte man einer bolschewistischen Revolution mit allen Mitteln vorbeugen.

Hitler war der Garant gegen ein sozialistisches Deutschland, das von der Arbeiterklasse gewünscht und vom Kapital gefürchtet war. Hitler bot mit seinem Nationalsozialismus das terroristische Instrument des kapitalistischen Krisenmanagements - ein Instrument, das zu dem Zeitpunkt zum Einsatz kommt, wo ein Überleben des Kapitalismus mittels bürgerlichem Staatsapparat, nämlich Parlamentarismus und Demokratie, nicht mehr gewährleistet ist.

Diese Dimension historischer Betrachtung des Zusammenhangs zwischen einem Wirtschaftssystem, das zwangsläufig gewaltige Krisen produziert und einer Diktatur, die dieses Profitsystem mit Gewalt an der Macht zu halten sucht, sollte bei aller regionalen Anschaulichkeit nicht aus dem Blickfeld geraten.

Christine Wittrock - über die Autorin