Falsche Tafel im Stadtmuseum
Kelkheim: Anna Schmitt wurde als Jüdin deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet

Von Franziska Richter

Etwas Besseres, freut sich Ute Voigt, könne einem Heimatmuseum nicht passieren. „Das ist doch toll, wenn ein Dialog stattfindet", sagt die Sprecherin des Museums Kelkheim. Der Hintergrund: Nach dem FR-Bericht über die neue Abteilung zur Kelkheimer Stadtgeschichte zwischen 1905 und 1950 regte sich das Interesse der Bürger. Auslöser war eine Tafel, auf der zu lesen ist, daß in der NS-Zeit „keine Juden in den heutigen sechs Kelkheimer Orten" wohnten.

„Vor etwa zwei Wochen bekam ich einen Anruf von einem Fischbacher", sagt Dietrich Kleipa, ehrenamtlicher Stadtarchivar und damit verantwortlich für die Ausstellung. Der Mann habe ihm erzählt, daß eine Jüdin in Fischbach gewohnt habe. „Es handelt sich um Anna Schmitt", sagt Kleipa. Die Frau des Fabrikvertreters Schmitt sei am 15. Oktober 1943 in Auschwitz ermordet worden.

„Ich bin seit 40 Jahren als Heimatforscher tätig und habe bis zu diesem Anruf noch nie von dieser Frau gehört." Ein Grund sei wohl, daß Anna Schmitt als katholisch geführt wurde und bei Volkszählungen nicht als Jüdin auftauchte. Erst nach 1939 seien die Menschen nach ihrer „Rasse" gefragt worden. „Ich bin bis heute im Stadtarchiv auf keine Hinweise gestoßen." Er habe nun im Gedenkbuch des Bundesarchivs nachgesehen und den Eintrag zur Fischbacherin Anna Schmitt gefunden.

„Die Tafel wird so schnell wie möglich erneuert", sagt Museumssprecherin Voigt. Der Stadtarchivar hat den Text bereits formuliert: „In Fischbach wohnte die Katholikin Anna Schmitt, die wegen ihrer jüdischen Herkunft 1943 in Auschwitz ermordet wurde", wird darauf zu lesen sein.

Letzte Spur im Staatsarchiv

Diese Korrektur wird auch zwei Kelkheimerinnen freuen, die nicht namentlich genannt werden wollen. Beide hatten ebenfalls auf den Bericht reagiert und eine E-Mail an die FR-Redaktion geschickt. In der Geschichtswerkstatt der VHS Main-Taunus-Kreis „Die Landräte des Main-Taunus-Kreises in der NS-Zeit" hätten sie die Akte „Judenangelegenheiten" im hessischen Hauptstaatsarchiv eingesehen und seien dort auf Anna Schmitt gestoßen. In der letzten Notiz über sie vom 19. Mai 1943 stehe: „Nach heutiger telefonischer Mitteilung der GeStaPo in Ffm ist die Jüdin Anna Sara Schmitt geb. am 3.8.93, wohnhaft dortselbst, verhaftet worden. Mit ihrer Rückkehr ist voraussichtlich nicht mehr zu rechnen." Fünf Monate später starb sie in Auschwitz. Über die damals 50-Jährige ist wenig bekannt. „In den Akten steht, daß sie in Lambsheim in der Pfalz geboren wurde", sagt Kleipa. Man habe ihm außerdem erzählt, daß ihr Mann an der Front gefallen sei. Einer der beiden Teilnehmerinnen der Geschichtswerkstatt wiederum war berichtet worden, daß er wegen Veruntreuung ins Zuchthaus gehen mußte. Kleipa wird sich auf Anna Schmitts Spuren begeben: „Ich werde weiter recherchieren."

Frankfurter Rundschau - 14.2.08 - mit freundlicher Erlaubnis der FR