Ein neues Museum im Main Taunus Kreis:
Das Museum Kelkheim
Sammlung für Möbelhandwerk und Stadtgeschichte

BEATE MATUSCHEK

Kelkheim hat als Möbelstadt bis heute ein überregional einmaliges Renomée, das auf eine etwa 150-jährige Tradition der Möbelherstellung zurückgeht. Um die Anfänge und Geschichte des Schreinerhandwerks in Kelkheim zu dokumentieren, richtet der Museumsverein Kelkheim in Verbindung mit der Stadt Kelkheim seit 2002 das Museum der Möbelstadt Kelkheim, Sammlung für Möbelhandwerk- und Museum KelkheimStadtgeschichte in der Frankfurter Straße 21, abschnittsweise ein. Die vom Hessischen Museumsverband als Spezialmuseum geführte Einrichtung wurde am 14. Juli 2004 teileröffnet und einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Seitdem erfreut sich die Sammlung einer besonderen Resonanz bei Kindern aller Altersgruppen, Schülerinnen und Schülern, aber auch Auszubildenden sowie historisch interessierten Besuchern1.

Der Ort

Die seit 1985 aufgebaute Sammlung des Museumsvereins Kelkheim2 wurde vom Museumsverband Hessen als einzigartig befunden und beratend begleitet. Zum Aufbau eines Museums fehlten indessen trotz zahlreicher Vorschläge ideale Ausstellungsräume im Stadtzentrum. 2001 ergab sich schließlich die Möglichkeit, Räumlichkeiten auf dem Gelände der ehemaligen Schreinerei Leiber in Kelkheim- Mitte anzumieten3. Der Bau war nach einem Brand vollständig renoviert worden.
Zeitstufen im Treppenhaus

Im Treppenhaus ist die Stadtchronik in Form von Zeitstufen dargestellt (Foto: Stadt Kelkheim)

Eppenhain

Die Stadtteilvitrine für Eppenhain  (Foto: Stadt Kelkheim)

Das Konzept

Mit der Einrichtung eines Museums verbunden ist - nach Vorgaben des Hessischen Museumsverbandes - die Erstellung eines wissenschaftlichen Rahmen-, Fein- und Gestaltungskonzeptes4.

Das Konzept für das Museum Kelkheim stellte die Frage in den Mittelpunkt, warum sich gerade Kelkheim zur überregional bekannten Möbelstadt mit in Hochzeiten bis zu 300 Schreinereibetrieben und einer überregional bekannten Möbelmesse (seit den 1920er Jahren bis 1996) entwickelt hat.  Dabei wurde eine Wechselwirkung zwischen der Industrialisierung des Rhein-Main-Gebietes um 1850, dem Zuzug von Arbeitskräften und einem erhöhten Bedarf an preiswertem Mobiliar festgestellt. Die wachsende Nachfrage wurde von der durch Realteilung verarmten bäuerlichen Bevölkerung am waldreichen Taunus zunächst im Nebenerwerb in Heimarbeit, dann als Haupterwerb gedeckt: Kelkheim entwickelte sich nach und nach zum florierenden Zentrum der Möbelschreinerei. Vor diesem Hintergrund steht die Entwicklung Kelkheims inhaltlich im Zusammenhang mit der Industriekultur Rhein- Main.
Werkstatt in der Küche

Die Werkstatt in der Küche (Foto: Stadt Kelkheim)

Schreinerwerkstatt


Schreinerwerkstatt (Foto: Stadt Kelkheim)

Die Museumsabteilungen

Die begrenzte Ausstellungsfläche erforderte eine Konzentration der Präsentation auf das Wesentliche. Das Museum Kelkheim gliedert sich fünf Abteilungen:

1. die „Stadtchronik"
2. die „Stadtgeschichte"
3.  „100 Jahre Schreinereigeschichte"
4. die „Straße der Schaufenster"
5. und die Schreinerwerkstatt

Die Abteilung „Stadtchronik" im Treppenhaus präsentiert die Siedlungsgeschichte Kelkheims als „Zeitstufen", die der Besucher Stufe um Stufe - entlang nachgebildeter Exponate - von der Steinzeit, über die Kelten- und Römerzeit, bis zum Mittelalter und neuesten Zeit - erklimmt. Die Gestaltung ist - durch Guckkasten-ähnliche Schaukästen aus Holz - besonders auf Kinder ausgerichtet. Beschriftungen der Treppenabsätze zeigen dem Besucher das jeweilige Zeitalter an, die Gestaltung der Decke weist auf den jeweiligen Herrschaftsbereich hin.

Die Abteilung „Stadtgeschichte" untersucht in sechs Stadtteilvitrinen die Lebensbedingungen in Münster, Kelkheim, Hornau, Fischbach, Ruppertshain und Eppenhain um die Mitte des 19. Jahrhunderts5 . Sie machen deutlich, daß die Bevölkerung in Kelkheim zu dieser Zeit durch das Erbrecht - die Realteilung - immer mehr verarmte und bald nicht mehr von der Landwirtschaft allein leben konnte. Aus einem Nebenerwerb - der Schreinerei - entwickelte sich eine florierende Möbelstadt mit Handelsverbindungen nach Paris, Amerika und entlegenen Ländern wie Äthiopien. Arme Taunusdörfer wuchsen durch Spezialisierung auf ein Handwerk zu einem Zentrum der Möbelherstellung heran.

Mittelpunkt des Museums ist deshalb die „Werkstatt in der Küche", die die Herstellung von Möbeln in Heimarbeit exemplarisch veranschaulicht. Darüber dokumentieren Tafeln „100 Jahre Schreinereigeschichte" in Kelkheim.

In einer vierten Abteilung wird durch eine „Straße der Schaufenster" die vormalige Konzentration der Möbelgeschäfte und Schreinereien entlang der „Frankfurter Straße" in Kelkheim angedeutet.6. Die einzelnen Kojen präsentieren exemplarisch historische Möbel, die die ganze Bandbreite der Kelkheimer Möbelherstellung vom Schlafzimmer für den kleineren Geldbeutel bis zum repräsentativen Wohnzimmerschrank für den gehobenen Geschmack aufzeigen.

Höhepunkt des Museums ist ein Blick in eine exemplarische „Schreinerwerkstatt" mit historischen, meist von den Schreinern selbst gebauten Maschinen, aber auch Hobelbänken, einem Leimofen und typischen Werkzeugen.7.

Das Museum ist ein „Museum zum Anfassen und Mitmachen", m dem besonders Schülerinnen und Schüler Einblick die Lebens- und Wirtschaftverhältnisse, die Arbeitswelt und den Alltag in den meist familiären Betrieben um 1900 erhalten. In zahlreichen Führungen8 zeigte sich die Begeisterung, mit der gerade Kinder und Jugendliche dieses Museum annehmen.

Der reibungslose Betrieb des Museum ist dem außerordentlichen Engagement der rund 30 Ehrenamtlichen des Büros für Bürgerschaftliches Engagement zu verdanken, die die Aufsicht gewährleisten. Träger des Museums ist der Museumsverein Kelkheim, das Patronat hat der Magistrat der Stadt Kelkheim übernommen.9

Mit der Einrichtung des Museums für Möbelhandwerk und Stadtgeschichte hat der Erhalt des kulturellen Erbes in der Region um Kelkheim an Bedeutung gewonnen und eine wesentliche Lücke zur regionalen Wirtschaftsgeschichte geschlossen.


Anmerkungen

1) Zu den regulären Öffnungszeiten mittwochs 15.00-17.00 Uhr und sonntags 15.00-18.00 Uhr, aber auch anläßlich der rund 35 Veranstaltungen jährlich mit thematischen Führungen, Lesungen, Ausstellungen sowie historischen Vortragen für Kinder und Erwachsene besichtigen mehr als 3000 Besucher jährlich die reichhaltige Sammlung zur Möbel- und Stadtgeschichte.
2) Der heutige Museumsverein Kelkheim wurde 1985 als “Förderkreis Handwerk e. V.” von Holzfachleuten mit dem Ziel gegründet, traditionelles heimisches Handwerk für nachfolgende Generationen zu bewahren.

3) Das Museum befindet sich somit auf authentischem Boden im hinteren Bau einer ehemaligen Schreinerei, die vor mehr als 100 Jahren erbaut wurde Dabei waren die Funktionsbereiche - Werkstatt, Ausstellungsraum, Fuhrwerkbau und Wohnhaus - um einen Hof gruppiert. Die Ausstellungsfläche des Museums im ersten Stock umfaßt ca. 240 Quadratmeter. Die Miete und ein großer Teil der Einrichtung wird über Sponsorengelder, Spenden und Fördermittel finanziert.

4) Mit der wissenschaftlichen Konzepterstellung waren beauftragt Ute Löwer- Winter, M.A., Monika Öchsner-Pischel, M.A. , sowie Stadtarchivar Dietrich Kleipa und Dr. John Provan. Die gestalterische Konzipierung und Umsetzung liegt in den Händen der Museumsdesignerin Susanne Michelsky aus Eppstem.

5) Münster: Mitte des 19. Jahrhunderts reichte die Landwirtschaft in Münster - wie m allen anderen heutigen Kelkheimer Stadteilen auch - zur Existenzsicherung der Familien nicht aus. Besondere Bedeutung kam in Münster dem Töpfer- und Zieglerhandwerk zu, die durch das reiche Tonvorkommen begünstigt wurde.

Kelkheim. Die Kleinbauern in Kelkheim lebten im Nebenerwerb von der Leineweberei, die sie in Heimarbeit in der Küche für Textilmanufakturen in Friedrichdorf im Verlagssystem betrieben. Wegen der großen Not wanderten m der Wirtschaftskrise 1872/73 50 Kelkheimer Familien nach Nordamerika aus. Daneben begann man am Fuße des Staufen Brauneisen abzubauen. Um 1860 wurden erstmals einfache Möbelstücke angefertigt.

Hornau: Als Nebenerwerb in Hornau diente der Obstbau, der Flachsanbau und die Leineweberei. Einziger Arbeitgeber war das Hofgut der Freiherren von Gagern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeiteten die meisten Hornauer der Männer als Maurer m Höchst und Frankfurt sowie als Fabrikarbeiter. Gleichzeitig entstanden Schreinereien nach Kelkheimer Vorbild.

Fischbach: war für die Wallfahrten zum Gimbacher Wallfahrtsbild weithin bekannt. Mitte des 19. Jahrhunderts konzentrierten sich die Fischbacher zunehmend auf den Obstanbau. Durch die nassauische Agrarreform, die die Anpflanzung von Obstbäumen entlang der Gemeindestraßen festlegte, wurden auch Beerensträucher, Getreide, Kartoffeln, Gemüse angebaut und Imkerei betrieben. Am Rettershof und Gimbacher Hof arbeiteten Fischbacher als Knechte, Mägde und Tagelöhner. Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch in Fischbach Schreinereien gegründet.

Ruppertshain: Für Ruppertshain war die Nutzung des Waldes als Nahrungslieferant und Erwerbsquelle lebensnotwendig.
Mit dem Bau der Lungenheilanstalt 1895 als erste Volksheilstätte Deutschlands fanden heimische Maurer, Handwerker, Zulieferer und viele weitere Dorfbewohner Beschäftigung. Der ansehnliche Baukomplex des Frankfurter Stadtbauinspektors Carl Wolf, der mit Mitteln und auf Anregung von Mathilde von Rothschild entstand, fand als architektonischer Musterbau große Beachtung. Nach seinem Vorbild wurden weitere „Volksheilstätten" in Deutschland und Europa gebaut. Auf der Pariser Weltausstellung von 1900 fand die Ruppertshainer Lungenheilstätte als damals modernster Bau besondere Beachtung.

Eppenhain: Für die ehemalige Rodesiedlung war die Weide- und Waldwirtschaft Lebensgrundlage der kleinbäuerlichen Familien. Wie in anderen Taunusorten hat man in dem „steinreichen" Boden auch nach Silber-, Blei- und Kupfererzen gesucht. Mit der Eisenbahnverbindung Frankfurt-Limburg (1872) entwickelte sich Eppenhain dank entscheidenden Förderung des Fremdenverkehrs durch August Gasser (1834- 1914) zum Ausflugsziel für Sommerfrischler und Erholungsort.

6) Um dies zu verdeutlichen wurde der Boden straßen-ähnlich gestaltet.

7) Für diese Abteilung wurden Originaldielen, eine Tür und Treppen der ehemaligen Möbelschreinerei Thoma in Fischbach vor dem Abriß ausgebaut, gereinigt, begast und erneut installiert

8) Der rege Besucherzuspruch ist nicht zuletzt auf generationsübergreifende Führungen in historischen Kostümen zurückzuführen, für die die Stadt Kelkheim im Januar 2006 als „Familienfreundliche Stadt" vom Hessischen Ministerium für Familie und Soziales ausgezeichnet wurde. Der Preis bestätigt zum einen die Arbeit des Museumsteams und motiviert andererseits, die noch nicht abgeschlossenen Projekte innerhalb des Museums weiter vorantreiben.

9) Sämtliche Koordinationen, Kontakte zu Förderern, partizipierenden Gruppen und Gremien sowie die Organisation von Veranstaltungen, Führungen und Ausstellungen übernimmt das Kulturreferat der Stadt Kelkheim. Informationen zur Sammlung Möbelhandwerk gibt der Museumsverein Kelkheim, zur Stadtgeschichte Stadtarchivar Dietrich Kleipa.

MTK-Jahrbuch 2007 - mit freundlicher Erlaubnis der Herausgeber

Sehen sollten Sie unbedingt das prächtige Video auf der Museumsseite! Untermalt mit einer Musik, die man gern im Original hören möchte!