Kelten und Römer: Neuer Zufallsfund in Hochheim - und in Hattersheim gestaltet ein Künstler Reliefs in Steinquader.
Notausgrabung für die Wissenschaft
Hochheim: Archäologen finden Keltengrab und Römerkastell in Kiesgrube / Abbau kurzfristig eingestellt

Von Claudia Horkheimer

Die Sonne knallt unbarmherzig auf den staubigen Lehmboden in der Kiesgrube bei Hochheim. Ein Handvoll Männer ist dort mit kleinen Handschippchen und Spaten zu Gange und durchlöchert die Erde in regelmäßigen Abständen. Es ist erst wenige Wochen her, daß Claus Bergmann vom Landesamt für Denkmalpflege hier zufällig auf die Reste eines Keltengrabes stieß. Jetzt haben die Grabungen außerdem Spuren eines 40000 Quadratmeter großen Römerkastells freigelegt.

Ursprünglich war Bergmann auf das Areal aufmerksam geworden, weil dort eine neue Abbaufläche für Kies und Sand abgeschoben worden war. Die Bagger hatten bereits die Grabstelle freigelegt. „Mehrere Tongefäße schauten aus dem Boden heraus", sagt Bergmann. Die Archäologen fanden ein Häufchen verbrannte Menschenknochen, sechs Tongefäße und eine Bronzefibel. „Diese Gewandnadel ist typisch für die Frauen in der Zeit zwischen 100 und 50 vor Christus", sagt Bergmann. Untersuchungen der Knochen könnten jedoch Aufschluß über Alter, Geschlecht und mögliche Erkrankungen der Bestatteten bringen.

Wegen des Fundes stoppte die Main-Taunus-Recycling sofort die Arbeiten auf dem einen Hektar großen Areal an der L2028 und unterstützte die Ausgrabung auch finanziell. Zusätzliche Probegrabungen der Archäologen förderten jedoch keine weiteren Gräber zu Tage, sondern die Reste eines römischen Heerlagers. Auf einer Länge von 118 Metern fand man unter der Erde die Spuren eines Grabens. „Wenn die Römer mit Feindkontakt rechneten, hoben sie diese Gräben rund um ihre Lager aus und schütteten die Erde zu Wällen auf, erklärt Bergmann.

Der Wall ist natürlich durch Erosion längst abgetragen. Auch von den Zelten, die das geschätzt 1000 Mann starke Heer innerhalb des Schutzwalles aufstellte, ist nichts mehr übrig. Jetzt hoffen die Wissenschaftler verzweifelt, wenigstens noch einige Keramikscherben zu finden, die Rückschlüsse auf die Entstehungszeit des Grabens geben. Eine stark mit Patina verkrustete Münze und einen Waffenflint fand man bereits.

Außerdem wurde eine Reihe von Feuerstellen entdeckt, die aber wahrscheinlich jünger sind. „Möglicherweise aus den Jahren 1792/93, als Mainz von den Franzosen belagert wurde", mutmaßt Bergmann.

In der Gegend rund um die in der Nähe verlaufende Alte Römerstraße weiß man dank luftarchäologischer Aufnahmen von weiteren Römerlagern. „Für ihre Ausgrabung fehlen uns aber die Ressourcen", sagt Bergmann. Jetzt soll noch eine Woche lang soviel in der Kiesgrube gerettet werden wie möglich. Dann geht der Abbau weiter.

Notausgrabung

Auf Spurensuche: Claus Bergmann (links) und Helfer. ILONA SURREY

AUSGRABUNG

Die keltischen Grabfunde wurden eingegipst und zur Analyse abtransportiert. Das Grab ist bereits wieder eingeebnet.

Bei den Kelten war es üblich, den Leichnam zu verbrennen und Überreste in Urnen oder Beuteln zu bestatten.

Keinen Zusammenhang gibt es zwischen Keltengrab und Römerkastell. Allerdings vermuten Archäologen weitere Gräber, vielleicht sogar eine Siedlung in der Nähe. Das Römerlager könnte indes zu Übungszwecken gedient haben.

Frankfurter Rundschau - 6.8.09 - mit freundlicher Erlaubnis der FR