Spätes Wiedersehen
Ruth Daminsky und Helene Bender aus der Neugasse kamen in der gleichen Nacht zur Welt

Von Barbara Helfrich

Irgendwann Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre haben sich die Nachbarn aus der Neugasse für ein großes Gruppenfoto herausgeputzt und ordentlich aufgestellt. Die Großen hinten, die Kleinen vorne, Juden und Christen einträchtig nebeneinander. Helene Bender zeigt auf dem vergilbten Foto zwei Mädchen in weißen Kleidern. „Das ist Ruth und das bin ich", sagte die heute 85-jährige Hofheimerin: „Wir sind in der gleichen Nacht mit nur sechs Stunden Abstand geboren und zusammen aufgewachsen."

Im Sommer 1938 war es vorbei mit der Nachbarschaft. Die 15-jährige Ruth Allmeier zog mit ihrer Familie nach Frankfurt um. Ruths Vater Eduard und ihr Halbbruder Siegfried hatten ihre Schneiderei in Hofheim aufgegeben. In der Großstadt versuchten sie, mit einem neuen Konfektionsbetrieb Fuß zu fassen. Vergeblich. Die Männer wurden nach dem Novemberpogrom 1938 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und Anfang 1939 entlassen. Ruth wanderte mit ihren Eltern nach Palästina aus. Ihr Halbbruder aber bekam keine Ausreisegenehmigung mehr. 1942 wurde er deportiert, später von den Nationalsozialisten ermordet, ob in Auschwitz oder in Majdanek, ist unklar.

Die Sandkastenfreundinnen trafen sich gut 40 Jahre nach dem Krieg in Hofheim

Für die Sandkastenfreundinnen Ruth und Helene gab es in den 80er Jahren ein Wiedersehen in der Hofheimer Neugasse. Auf Einladung der Kommune besuchte die Vertriebene ihre Geburtsstadt. „Mir haben die Knie gezittert", erzählt Helene Bender. Seitdem stehen die beiden hochbetagten Frauen in Kontakt. Helene Bender zeigt ein Foto, auf dem Ruth Daminsky, geborene Allmeier, mit ihrem Ehemann, Enkelin und Urenkel in einem Stall zu sehen ist. Die Familie lebt in Israel von Milchproduktion, hat mehr als 100 Kühe, berichtet Helene Bender. Zu Tränen gerührt gewesen sei Ruth Daminsky als sie ihr am Telefon erzählte, daß in der Neugasse 43 jetzt sechs Stolpersteine an ihre Familie erinnern werden.

Manfred Marx aus Marxheim lebt jetzt in Texas. Demnächst wird er 90 Jahre alt

Kontakt zu seinem Geburtsort Marxheim hält auch Manfred Marx. Er entkam in die USA und lebt in Texas. „Wir schreiben uns immer Weihnachtskarten", berichtet Josef Noll, der für die CDU im Marxheimer Ortsbeirat sitzt. Wie Ruth Daminsky kam Manfred Marx in den 80er Jahren auf Einladung der Stadt erstmals wieder nach Deutschland. Mehrfach sei er danach noch aus Amerika angereist, um über seine Familie zu forschen, so Noll.Spätes Wiedersehen in Hofheim

In der Marxheimer Schulstraße 35 hat der Künstler Gunter Demnig gestern Gedenksteine für Louis und Sophie Kahn verlegt, die Großeltern von Manfred Marx. Sie handelten mit Vieh, Louis Kahn stand zudem der jüdischen Kultusgemeinde vor, bis er in die USA emigrierte. Die Stolpersteine markieren jeweils den letzten freiwillig gewählten Wohnort der NS-Verfolgten. Weil Manfred Marx schon einige Jahre vor der Flucht mit Mutter Caroline nach Höchst gezogen war, ist sein Name in Marxheim nicht verewigt. „Positiv aufgenommen" habe Manfred Marx die Nachricht über die Gedenk-Aktion, berichtet Josef Noll. Doch noch einmal nach Deutschlang reisen wollte er wegen seines hohen Alters nicht. Manfred Marx wird im Mai 90 Jahre alt.


Gunter Demnig arbeitet vor dem Haus Neugasse 43.
Stolpersteine: Der Künstler Gunter Demnig hat in Hofheim Gedenktafeln für NS-Opfer verlegt.

 

Stadt sucht noch Paten für 22 Stolpersteine
Europaweite Aktion zur Erinnerung an NS-Opfer/ Nicht alle Anwohner sind informiert

Inhaftierung, Zwangsarbeit, verschleppt, ermordet - nur bruchstückhaft sind die Biographien, die Schülerinnen und Schüler der Main-Taunus-Schule vorlesen. Immer wieder übertönt der Lärm vorbeifahrender Autos den Bericht über das Schicksal der Familie Allmeier.

Der Alltag geht weiter, während in der Hofheimer Neugasse 43 an Eduard, Jenny, Siegfried, Berta, Bella und Ruth Allmeier erinnert wird. „Ach du lieber Himmel. Was ist denn hier los ?", entfährt es einem Mann, der seinen Hund ausführen will und vor der Haustür plötzlich in der Menschenmenge steht. Stadtarchivarin Roswitha Schlecker klärt ihn auf: Vor dem Haus verlegt der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine zur Erinnerung an NS-Opfer. Mann und Hund gehen weiter. Die Stadt habe die Hausbesitzer zuvor über die Aktion informiert und sie gebeten, auch den Mietern Bescheid zu sagen, sagt Roswitha Schlecker. Offenbar hat das nicht überall geklappt.

Die ersten zwölf Stolpersteine hat Demnig im vorigen April in der Kreisstadt verlegt. Gestern sind 19 weitere hinzugekommen. Außer in der Neugasse 43 plazierte sie der Künstler in der Elisabethenstraße 32, in der Straße Am alten Bach und in der Lorsbacher Straße 36. Fünfter Gedenkort ist die Schulstraße 35 in Marxheim.

Die nächsten Stolpersteine sollen in Hof heim im kommenden Oktober verlegt werden, unter anderem im Stadtteil Diedenbergen. Grundlage sind die Forschungsergebnisse der Historikerin Anna Schmidt, die im Auftrag der Stadt über die NS-Geschichte Hofheims recherchiert hat.

Insgesamt 85 Stolpersteine sollen in Hofheim verlegt werden. Für 22 Steine im Stadtteil Wallau sucht die Stadt noch Paten, die je 95 Euro pro Stein zahlen. Hofheim ist die erste Kommune im Main-Taunus- Kreis, die sich an der europaweiten Stolperstein-Aktion beteiligt. In Hochheim ist sie derzeit in Vorbereitung.

Auf Messingtafeln sind die Namen und Lebensdaten der NS-Opfer nachzulesen. Oft bleiben Lücken, wie bei Adolf und Mina Weiss, die in der Elisabethenstraße 32 wohnten. Im Juni 1942 wurden sie über Frankfurt in Richtung Izbica deportiert. Ihre Spur verliert sich, doch Überlebende dieses Transportes sind nicht bekannt. Auch Johanna Hahn und Selma Strahlheim aus der früheren Mühlgasse, die heute Am alten Bach heißt, haben den Holocaust nicht überlebt. Für Mutter und Tochter liegen nun Stolpersteine im Boden. bhe

DIE IDEE

1997 verlegte Gunter Demnig die ersten Stolpersteine zum Gedenken an NS-Opfer in Berlin-Kreuzberg.

Rund 18.000 Messingtafeln hat der Kölner Künstler inzwischen verlegt, in mehr als 100 Orten in Deutschland sowie in anderen europäischen Ländern.

Patenschaften für Stolpersteine in Hofheim vergibt das Stadtarchiv, Telefon 06192/966 550. Infos auch im Internet unter www.hofheim.de

Frankfurter Rundschau - 17.2.09 - mit freundlicher Erlaubnis der FR