I.   Einleitung des Herausgebers

Im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main finden sich unter der Signatur S 5/373 (vormals S 5/275) die Kriegserlebnisse des Kriegsfreiwilligen Adolf Paul aus den Jahren 1914 bis 1918. Schon ein erstes „Anlesen" der Chronik versprach wichtige Einblicke in die Gedankenwelt eines akademisch gebildeten jungen Mannes zu den epochalen Ereignissen des Jahres 1914 und zu der Zeit des gesamten Weltkrieges. In der Tat hält das Kriegserlebnis Adolf Pauls, was der erste Eindruck verspricht. Der Leser wird ausführlich über die Motivation eines evangelischen Theologiestudenten unterrichtet, der sich freiwillig an einem Krieg beteiligte, der in seinem Verlauf zu einem bis dahin nicht gekannten industriellen Töten wurde und so gar nicht zu einem Theologen zu passen scheint.

Der Kriegsbericht Adolf Pauls zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß er neben seiner positiven Haltung dem Krieg als Verteidigungskrieg des Deutschen Reiches gegenüber auch offen die Verhältnisse innerhalb des deutschen Heeres schildert. Im Laufe des Krieges entstanden auch bei dem Verfasser des Kriegserlebnisses ernsthafte Zweifel, ob der Krieg noch sinnvoll, mit den fundamentalen Prinzipien einer humanitären Ordnung zu vereinbaren war. Die Entwicklung von einem „Alles Gott befohlen!" zu einer skeptischeren Betrachtungsweise ist deutlich herauszulesen. Dennoch: Adolf Paul hat sich trotz der aufkommenden Zweifel als Soldat engagiert und so weit bewährt, daß er als einer der wenigen Kriegsfreiwilligen zum Leutnant der Reserve befördert wurde und somit in den Offiziersrang aufrückte. Dabei ist besonders hervorzuheben, daß Adolf Paul stets in den vordersten Linien kämpfte und in mehr als vier Jahren Westfront schwer verwundet wurde und mehrmals dem Tod nur äußerst knapp entkam.

Seine vorbildliche militärische Einsatzbereitschaft, für die ihm das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen wurde, ließ ihn aber nicht die menschliche Dimension des Weltkrieges aus den Augen verlieren. Offen schildert Adolf Paul die grausamen Bilder der Schlachtfelder und das menschliche Leid auf der gegnerischen Seite wie innerhalb der eigenen Reihen.

Adolf Georg Hermann Paul wurde am 9. Juli 1892 im hessischen Hadamar geboren, wo sein Vater als evangelischer Pfarrer tätig war. Zu Ostern 1911 legte er die Reifeprüfung in Höchst am Main ab und studierte anschließend evangelische Theologie vom Sommersemester 1911 bis zum Sommersemester 1912 in Gießen, besuchte dann die Berliner Universität, wo er vom Wintersemester 1912/13 bis zum Sommersemester 1913 immatrikuliert war, um zum Wintersemester 1913/14 nach Marburg zu wechseln. In die Marburger Studienzeit fiel im August 1914 der Beginn des Ersten Weltkrieges. Adolf Paul brach sein Studium umgehend ab, um das Not-Examen am 6. August 1914 in Herborn abzulegen. Nach erfolgreicher Prüfung versuchte er vergeblich in die Infanterie einzutreten und wurde am 16. August 1914 als Kriegsfreiwilliger des Artillerieregiments 63 aus Frankfurt am Main/Bockenheim angenommen. In diesem Regiment blieb Adolf Paul bis zum Kriegsende 1918.

In seinen Erinnerungen reflektiert der Kriegsfreiwillige Adolf Paul oft seine Gründe, in den Krieg einzutreten. Für ihn war der Krieg, wie für viele akademisch gebildete Menschen seiner Generation, ein Verteidigungskrieg Deutschlands gegen eine feindliche Übermacht. Seine Grundhaltung war durch die sehr enge Verbindung von evangelischer Kirche und protestantischem Kaiserreich beeinflußt. Dennoch war es nicht eine spontane Kriegsbegeisterung, die ihn als Freiwilligen in den Krieg eintreten ließ, sondern die gewachsene Beziehung zwischen Kirche und Staat. Aus dieser Position heraus glaubte er seinem Vaterland dienen zu müssen und leitete die unbedingte Pflichterfüllung ab. Adolf Paul hoffte auf einen aus seiner Sicht gerechten Frieden, der die Lebensgrundlagen Deutschlands für lange Zeit sichern würde. Seine Überzeugung hat sich innerhalb des langen Krieges nicht geändert und bildete eine Konstante während der gesamten Kriegsdauer. Dennoch trug das Erleben von unglaublicher Zerstörung und der täglichen Todeserfahrung zu einer sehr differenzierten Betrachtung des Kriegsgeschehens bei. Bei Adolf Paul äußert sich das besonders in den zum Teil intensiven Naturschilderungen. Die Natur als Gottes Schöpfung gab den Rahmen für ein menschliches Handeln, das anscheinend jeglichen Sinns beraubt war. Nur die Legitimation des Krieges als reine Verteidigung konnte wiederum Sinn stiften.

In diesem Zwiespalt betrachtete Adolf Paul die Kriegsereignisse und hatte dabei stets ein offenes Auge für die Mißstände innerhalb des Heeres. So bemängelte er die schlechte und im Vergleich zu den Offizieren ungerechte Verpflegung der Mannschaften, die mangelhafte Würdigung von Leistungen Kriegsfreiwilliger, schlechte Organisation in der Etappe und die willkürliche Behandlung unterer Dienstgrade durch Vorgesetzte. An diesem Punkt empörte er sich über die bestehende Ungerechtigkeit, wenngleich es keine Möglichkeit gab, dagegen vorzugehen. Vielmehr bemühte sich Adolf Paul später in seiner Führungsposition, Härten abzumildern und gerecht zu sein. Besondere Bedeutung kommt den beschriebenen Stimmungslagen und politischen Einschätzungen der Soldaten zu. Adolf Paul beschreibt, wie er im Gespräch mit Mannschaftsdienstgraden von deren Unzufriedenheit über die lange Kriegsdauer und die sich ständig verschlechternde Lage in der Heimat unterrichtet wurde. Dabei zeichnete sich besonders gegen Kriegsende eine Neigung vieler Soldaten zu den revolutionären Bestrebungen in Deutschland ab. Sie nahmen auf Heimaturlaub beispielsweise in Zivil an Kundgebungen Karl Liebknechts teil. In seiner Funktion als Unterrichtsoffizier trat Adolf Paul diesen Ansichten entgegen und versuchte die Soldaten durch sein persönliches Engagement mitzureißen. In den Kriegserinnerungen ist ein deutlicher Unterschied zwischen der Wahrnehmung des Krieges durch Offiziere und Teile der einfachen Soldaten auszumachen. Während die höheren Dienstgrade eher zu einer Bejahung des Krieges auch gerade gegen Ende hin tendierten, verbreitete sich bei den Soldaten Gleichgültigkeit, wie das vollkommen unmilitärische Verhalten in bestimmten Situationen während der letzten großen Offensiven verdeutlicht. Hier betranken sich Soldaten sinnlos und hielten sich weit hinter der Frontlinie auf.

Die Schilderungen der Schlachten und Kämpfe ist aufrichtig und nicht beschönigend. Oft war Adolf Paul von den Folgen der Artilleriebeschießungen und der Kampfhandlungen entsetzt. Dabei sah er auch das Leid der Zivilbevölkerung im besetzten Teil Frankreichs und im Frontgebiet. Viele Dörfer wurden vollständig zerstört, die Einwohner waren evakuiert und blickten einer sehr Ungewissen Zukunft entgegen.

Mit dem Kriegsende im November 1918 verließ das Artillerieregiment 63 Frankreich, um in Schlüchtern demobilisiert zu werden. Am 11. Dezember 1918 erhielt Adolf Paul vom Frankfurter XVIII. Armeekorps in Bad Nauheim den Entlassungsschein. Er selbst wie die meisten seiner Kameraden konnten die militärische Niederlage nicht akzeptieren und wähnten sich als im Kriege unbesiegt. Nach dem Krieg führte Adolf Paul seine theologische Ausbildung umgehend fort. Er trat noch im Dezember 1918 in das Herborner Seminar ein, wo er bis Ostern 1919 blieb. Danach schloß sich das Lehrvikariat in Höchst am Main vom 1. Mai 1919 bis zum 31. Dezember 1919 an. Vom 16. bis zum 19. Dezember 1919 legte er das zweite Examen mit der Gesamtnote „gut" in Herborn ab, um am 11. Januar 1920 in Eschborn ordiniert zu werden. Nach dem Synodal-Vikariat in Höchst am Main, das bis zum Juli 1921 dauerte, wurde Adolf Paul zum 1. Juli 1921 Pfarrer der Gemeinde Dörnberg an der Lahn. Am 1. Juli 1932 trat er als gewählter Pfarrer sein neues Amt in Eschborn an, wo sein Vater aus dem Amt schied. Adolf Paul nahm auch am Zweiten Weltkrieg als Artillerieoffizier teil, wurde 1942 zum Major befördert und zum Kommandeur des Artillerieregiments 263 ernannt. Nach kurzer englischer Kriegsgefangenschaft von Mai bis August 1945 konnte er wieder nach Eschborn in das Pfarramt zurückkehren. Er blieb dort bis zum Ruhestand im Jahr 1960 Pfarrer und zog dann nach Offenbach. In dieser Zeit verfaßte Adolf Paul eine hochinteressante und sehr schön zu lesende zweibändige Chronik Eschborns von den Anfängen bis zu den späten 1960er Jahren. Für dieses Werk und seine Verdienste in Eschborn verlieh ihm seine Heimatstadt 1969 das Ehrenbürgerrecht. Ab 1975 wohnte Adolf Paul mit seiner Frau Frieda in einem Seniorenwohnsitz in Oberursel und verstarb im Alter von 88 Jahren am 17. Oktober 1980 in Frankfurt am Main.

Das vorliegende Kriegserlebnis befindet sich in einer maschinenschriftlichen Fassung im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main. Dort sind aber, ebenso wie im Eschborner Stadtarchiv, keine weiteren Dokumente Adolf Pauls zu den Kriegserlebnissen vorhanden. Das ist bedauerlich, da der maschinenschriftlichen Fassung mit den sehr genauen Datumsangaben sicherlich handschriftliche Notizen, wahrscheinlich in Form eines Kriegstagebuchs, zugrunde liegen müßten. Der Hinweis innerhalb der Kriegserlebnisse auf Fotoaufnahmen gibt Grund zu der Annahme, daß ein Fotoalbum aus dem Ersten Weltkrieg existiert haben könnte. Doch auch im Darmstädter Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau konnten weder Kriegstagebuch noch Fotodokumente nachgewiesen werden. Dafür war es aber aufgrund der vorhandenen Unterlagen möglich, die beruflichen Stationen Adolf Pauls wiederzugeben und einen Hinweis auf die frühestmögliche Entstehung der Kriegserlebnisse zu erhalten. In der Akte Bestand 19 Nr. 49 befindet sich ein maschinenschriftlicher Brief vom 8. März 1928, in dem sich Adolf Paul auf die Pfarrstelle in Hochheim am Main bewirbt. Die Schrifttype stimmt mit der der Kriegserinnerungen überein. In dem Brief beklagt sich Adolf Paul auch über die Einsamkeit der Lahnhöhen, ein Indiz dafür, daß er während dieser Zeit genug Muße hatte, seine Kriegserinnerungen auszuarbeiten. Wenn man die einleitenden Worte über die Gründe für die Kriegschronik berücksichtigt, kann man diese auf zwei unterschiedliche Zeiträume beziehen. Zum einen käme eine frühe Datierung um 1927 als wirtschaftlich gutes Jahr in Frage. Zum anderen können sie sich auf den ökonomischen Aufschwung der frühen Bundesrepublik beziehen und somit in die 1960er Jahre fallen. Auch wenn einiges für den späteren Zeitpunkt spricht, zu dem Adolf Paul an der Eschborner Chronik arbeitete und dem Institut für Stadtgeschichte das Exemplar seiner Kriegserinnerungen überließ, kann eine frühere Entstehung nicht ausgeschlossen werden.

Für ihre Unterstützung und fachlichen Hinweise bei der Herausgabe der Kriegserlebnisse des Eschborner Pfarrers Adolf Paul danke ich Herrn Dr. Konrad Schneider vom Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main und Herrn Gerhard Raiss vom Stadtarchiv Eschborn. Durch seine Bemühungen ist es gelungen, zwei der ganz wenigen Fotografien Adolf Pauls aus der Zeit des Ersten Weltkrieges aus Familienbesitz für die Veröffentlichung nutzen zu können. Mein Dank gilt Herrn Holger Bogs und Frau Natalia Alexeeva vom Darmstädter Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die mir Einblick in die Akten gewährten und sich sehr für die vorliegende Veröffentlichung interessierten.