2.4. Die Ostarbeiter-Erlasse

Am 22. Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an. Nach den Vorstößen der Wehrmacht weit ins Landesinnere wurde in Berlin politisch beraten, ob und unter welchen Bedingungen Zivilarbeiter aus der Sowjetunion in Deutschland eingesetzt werden sollten.

Als Zwischenergebnis einer der Besprechungen hielt das Auswärtige Amt im Dezember 1941 fest: „Die russischen Arbeiter werden im Reich als Zivilgefangene unter Bewachung in Lagern gehalten, sie werden auch nicht in Rußland angeworben, sondern zwangsmäßig ins Reich überführt." In der Endfassung der Regelungen zum Arbeitseinsatz von russischen Zivilarbeitern ist dann doch von der Bildung von „Anwerbekommissionen" und von „anzuwerbenden" Arbeitskräften die Rede. Die Anwerbeaktionen stießen auf großen Widerhall, zusätzlich wurden Zwangsmaßnahmen „bis zum Einsatzbefehl mit Geiselnahme" vorgenommen. Im Frühjahr 1942 trafen die ersten Massentransporte in Deutschland ein, mehr als die Hälfte der Arbeitskräfte waren Frauen. Die Freiwilligen berichteten in Briefen nach Hause über schlechte Ernährung und mangelhafte Unterkünfte. Daraufhin nahmen die freiwilligen Meldungen rapide ab, der Einsatz von Zwangsmitteln wurde immer häufiger.

Die Regelungen zum Arbeitseinsatz von russischen Zivilarbeitern vom 20. Februar 1942 („Ostarbeiter-Erlasse") lehnten sich an die Bestimmungen der Polen-Erlasse an und nahmen diese in sich auf. Die Zivilarbeiter sollten ärztlich und sicherheitspolitisch überprüft, in geschlossenen Transporten nach Deutschland gebracht und dort möglichst abgesondert in Kolonnen eingesetzt und in mit Stacheldraht umzäunten Barackenlagern untergebracht werden. Die „Russen" mußten wie schon die Polen ein Kennzeichen auf ihrer Kleidung tragen: ein blaues Rechteck mit weißer Schrift „Ost".

Die Staatenwelt Osteuropas war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mehrfach verändert worden. Nach dem Ende des Russischpolnischen Krieges 1919/20 wurde im Frieden von Riga 1921 die polnische Ostgrenze über die Curzon-Linie hinaus nach Osten verschoben, weißrussische und ukrainische Gebiete kamen zu Polen. Die Nicht- Polen aus diesen Gebieten wurden in den Ostarbeiter-Erlassen gesondert behandelt. Im Juli 1920 schloß Russland Frieden mit Litauen, Lettland und Finnland und erkannte deren Unabhängigkeit an; 1926 Militärdiktatur in Litauen; 1938 Region um Wilna von Litauen an Polen; 1939/40 infolge Hitler-Stalin-Pakt Litauen, Estland, Lettland und auch Finnland zur Sowjetunion. Für die Arbeitskräfte aus den baltischen Staaten wurden deshalb Sonderregelungen erlassen.

Die Erlasse vom 20. Februar 1942 unterschieden „vier Personengruppen:

A Arbeitskräfte aus dem altsowjetischen Gebiet,

B Arbeitskräfte aus den ehemaligen Staaten Litauen, Lettland und Estland,

C Arbeitskräfte polnischen Volkstums aus dem Generalgouvernement und den eingegliederten Ostgebieten und

D Fremdvölkische Arbeitskräfte nicht-polnischen Volkstums aus dem Generalgouvernement und den eingegliederten Ostgebieten."

Arbeitskräfte der Gruppe A waren „abzusondern", sollten „nur in geschlossenen Kolonnen" eingesetzt werden, waren „in geschlossenen Lagern (Baracken) ... möglichst mit Stacheldraht versehenen Umzäunung" ... „unter Bewachung" unterzubringen. Sie „dürfen ihre Unterkünfte grundsätzlich nur zur Verrichtung der ihnen in den Betrieben zugewiesenen Arbeit verlassen. Dementsprechend spielt sich die gesamte Freizeit im Lager ab". Als Ausweis sollten sie eine Arbeitskarte mit Lichtbild und Fingerabdruck erhalten sowie dem Aufdruck: „Inhaber ist nur zum Zwecke der Arbeitsverrichtung zum Verlassen der Unterkunft berechtigt". Diese Arbeitskräfte müssen „an der rechten Brustseite der Oberkleidung" ein Kennzeichen tragen: „Das Kennzeichen besteht aus einem hochstehenden Rechteck von 70 mm x 77 mm und zeigt bei 10 mm breiter blauweißer Umrandung auf blauem Grunde in weißer Schrift das Kennwort ,Ost'."

Für die Gruppe B aus den Baltenländern wurde eine „bevorzugte Behandlung" vorgesehen. Wenn eine Unterbringung in Lagern „nicht möglich ist", solle für „eine gemeinsame Unterkunft" gesorgt werden; eine „Bewachung erfolgt nicht". Es werde „von besonderen Einschränkungen der Lebensführung abgesehen" mit „Ausnahme von einem Aufenthaltsgebot im Bereich der Kreispolizeibehörde, in dem der Arbeitsplatz liegt". Für die Gruppe C, polnische Arbeitskräfte, wurde auf Erlasse vom 8. März 1940 und später verwiesen (Polen-Erlasse).

Für die Gruppe D (Ukrainer, Weißruthenen, Russen, Kaschuben und Masuren aus dem ehemaligen Polen) wurde betont: „Maßgebend für die Behandlung dieser Arbeitskräfte ist einerseits die vielfach gegnerische Einstellung zum polnischen Volk und die aufgeschlossene Haltung gegenüber dem Deutschen Reich. Andererseits dürfen Lebenshaltung, Charakter ... nicht außer Acht gelassen werden." Für Einsatz, Unterbringung und Aufenthaltsbereich sollten die gleichen Bedingungen gelten wie für Arbeitskräfte aus den Baltenländern, d.h. für sie „finden künftig die für Zivilarbeiter polnischen Volkstums geltenden Bestimmungen ... keine Anwendung mehr". Nachdem bereits 1940 die galizischen Ukrainer von den Polen-Erlassen ausgenommen worden waren (siehe oben), wurden nun auch andere „fremdvölkische Arbeitskräfte nicht- polnischen Volkstums" weniger diskriminiert - das bedeutete insbesondere, daß sie das Kennzeichen „P" entfernen konnten.

Schon nach kurzer Zeit zeigte sich offenbar in der Praxis, daß die Abschottung der „Russen" nicht wie vorgesehen durchführbar war. Mit Runderlaß vom 9. April 1942 wurde für die „Behandlung der Arbeitskräfte aus dem altsowjetischen Gebiet" erklärt, daß „eine strengste Absonderung ... nicht geboten" erscheine, „da sonst die Möglichkeiten des Einsatzes dieser Arbeitskräfte zu beschränkt würden". Es lasse sich „nicht vermeiden, daß die Arbeitskräfte aus dem altsowjetischen Gebiet zwischen deutschen oder auch ausländischen Arbeitern eingesetzt werden", es sei auch „nicht notwendig, die Familien zu trennen". Und weiter: „Die Umzäunung der Lager darf nicht mit Stacheldraht versehen sein. Bisher verwendeter Stacheldraht ist zu entfernen." Auch die Bestimmungen zur Lagerbewachung wurden abgeschwächt, ggf. „durch die Betriebe... in Form eines Selbstschutzes". Und: „Das absolute Ausgehverbot wird jedoch dahingehend gelockert, daß bewährten Arbeitskräften - gewissermaßen als Belohnung - in geschlossenen Gruppen unter hinreichender deutscher Aufsicht Ausgang gewährt werden darf." Der „Reichsminister für Bewaffnung und Munition" (Speer) verwies in seinen Nachrichten (an die Betriebe) Nr. 3 vom 6. Mai 1942 darauf, daß er diese „Erleichterung der Lagerbestimmungen veranlaßt" habe, „um die Leistung der in der Rüstungswirtschaft eingesetzten Zivilarbeiter aus dem Osten zu verbessern."

Offenbar führte die Regelung, daß Ukrainer aus dem ehemals polnischen Staatsgebiet kein Kennzeichen tragen mußten und Ukrainer aus der Sowjetunion das „Ost"-Zeichen, zu Irritationen.663 Jedenfalls sah der „Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei" Veranlassung, in einem erneuten Erlaß am 27. Mai 1942 zu wiederholen und klar zu stellen: Als „Arbeitskräfte aus dem altsowjetischen Gebiet" seien auch „die aus dem 1939 zur UdSSR geschlagenen ehemals polnischen Gebiet mit Ausnahme der seinerzeit in den früheren Staat Litauen, Ostpreußen und das Generalgouvernement (Wilna, Bialystok, Lemberg) eingegliederten Teile und alle Personen aus der Sowjetukraine als Arbeitskräfte aus dem altsowjetischen Gebiet zu behandeln. Volkstumsmäßige Ausnahmen sind - die Volksdeutschen selbstverständlich ausgenommen - nicht zu machen". Außerdem wurde in diesem Erlaß klargestellt, daß der Einzeleinsatz nur in der Landwirtschaft zugelassen sei, „nicht dagegen in Industrie, Gewerbe und Haushalt". Dementsprechend „ist auch der Einsatz von Hausgehilfinnen verboten." Dafür würden Regelungen noch ausgearbeitet. „Soweit bereits Hausgehilfinnen in nationalsozialistisch einwandfreien Haushalten tätig sind, sind sie in ihnen zu belassen."

Der Nazi-Apparat hatte offenbar Schwierigkeiten, die Regelungen verständlich zu machen, nachdem bisher die Propaganda vom „sowjetischen Untermenschen" gesprochen hatte. In einem ausführlichen Zeitungsbericht über einen „Dienstappell der Ortsgruppe" Großauheim heißt es: „In längeren Ausführungen sprach der Ortsgruppenleiter über den Einsatz der ausländischen Arbeiter und erläuterte die ergangenen Verordnungen über den Umgang mit ihnen." Der Landrat des Landkreises Offenbach wies am 13. Januar 1943 die Gendarmerieposten des Kreises und die Bürgermeister mit Gemeindeschutzpolizei an: „Die sich in Ihrem Bezirk befindlichen Kinobesitzer und Konzessionsinhaber von Gast- und Schankwirtschaften sind zu belehren, daß der Besuch von Kinos und Gaststätten durch Ostarbeiter und -arbeiterinnen verboten ist und daß im Nichtbefolgungsfalle die Verantwortlichen mit staatspolizeilichen Maßnahmen zu rechnen haben." Und eine Einladung zu einer „Bürgermeisterversammlung" des Landkreises Offenbach am 18. Januar 1943 kündigte an: „... hält Kriminalkommissar Gerth von der Gestapo in Darmstadt einen Vortrag über den Einsatz der Partei bei der Überwachung fremdvölkischer Arbeitskräfte".

Um die Arbeitsleistung zu erhöhen, wurde ab Frühjahr 1943 in Berlin eine Änderung der Bestimmungen diskutiert. Anfang Juli 1943 erließ der Regierungspräsident in Kassel eine „Polizeiverordnung über Maßnahmen aus Anlaß des Arbeitseinsatzes von Ostarbeitern", wonach „Ostarbeiter" alle „aus dem ehemals sowjetischen Gebiet - mit Ausnahme der ehemaligen Staatsgebiete Litauens, Lettlands, Estlands sowie der Bezirke Bialystok und Lemberg" waren (d.h. die zuvor als „Personengruppe A" bezeichneten); über die anderen Gruppen wird nichts ausgesagt. Statt des Ausgehverbotes heißt es jetzt: „Den Ostarbeitern ist verboten, den Arbeitsort... ohne besondere Genehmigung der Ortspolizeibehörde zu verlassen". Und: „Der Besuch von Gaststätten ist den Ostarbeitern verboten. Im Falle eines besonderen Bedürfnisses kann jedoch die Ortspolizeibehörde eine oder mehrere Gaststätten einfacher Art - auch nur an bestimmten Tagen oder für bestimmte Stunden, sowie auch nur für bestimmte Räume - zum Besuch der Ostarbeiter freigeben"; sie waren „durch Anschlag als Ostarbeiterwirtschaft kenntlich zu machen".

Eine Polizeiverordnung des Innenministeriums vom 19. Juni 1944 lobte (!) den Arbeitseinsatz der „Ostarbeiter" und erließ eine neue Kennzeichenregelung: Ukrainer sollten nunmehr einen ovalen Sonnenblumenkranz mit Dreizack in blau-gelb, Weißruthenen mit Ähre und Zahnrad in weiß-rot, Russen mit Andreaskreuz in weiß- blau-rot tragen. Der Rückgriff auf die Nationalfarben sollte die zuvor diskriminierten „Ostarbeiter" nun zu Verbündeten von Nazi-Deutschland gegen den Bolschewismus machen - am 6. Juni 1944 waren die Alliierten in Nordfrankreich gelandet, schon im Januar war die Rote Armee bis zur ehemaligen polnischen Ostgrenze vorgedrungen, am 13. Juli nahm sie Wilna. In Deutschland flogen britische Bomberverbände Nacht für Nacht ihre Angriffe auf die Städte; in Hanau gab es, wie das Tagebuch festhielt, beinahe täglich mehrmals „Fliegeralarm".

Behandlung Ostarbeiter765
Behandlung Ostarbeiter766